Ikonoklasten

Fluchen konnte er, der Captain Haddock aus den Geschichten von Tim und Struppi. Einer der Flüche blieb mir in guter Erinnerung, obwohl ich damals noch nicht wusste was er bedeutet: In der Liste der 100 Flüche von Captain Haddock findet man ihn auf Platz 39: Ikonoklasten, Bilderstürmer.

Leider ist das Thema immer wieder aktuell, vor kurzer Zeit in Timbuktu in Form der Zerstörung islamischer Heiligtümer.

Vor einiger Zeit hatte ich die Idee etwas zum Thema Bilderverbot und Bildverachtung in die Webseite zu schreiben, das Thema wollte sich jedoch nicht so recht einfügen. Deshalb jetzt also hier kurz ein paar einfache Gedanken dazu, quasi aus aktuellem Anlass.

Bilderverbot und Bildverachtung

Während wir mit wortsprachlicher Information umzugehen wissen, ist die Bilderflut relativ neu und trifft uns noch daher eher unvorbereitet, als Folge reagieren wir (oft) abwehrend. Es scheint einen Reflex gegen Bilder zu geben. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Schrift und Bild hat zumindest in der deutschen Sprache eine sonderbare Spur hinterlassen: Sprechen wir von Bildung, so meinen wir damit jemanden, der belesen ist.

Bilderstürmerische Reflexe haben in unserer Kulturgeschichte ihre Vorläufer:

  • Alte Wurzeln hat das Bilderverbot im biblischen Gebot Du sollst dir kein Bildnis machen. Auch wenn sich diese Vorschrift nur auf die bildliche Darstellung Gottes bezog und den Dienst an Götzenbildern verhindern sollte, wurde sie in der jüdisch-christlichen Tradition immer wieder weiter gefasst. Im byzantinischen Raum des 8. und 9. Jahrhunderts findet die (theoretische und handfeste) Auseinandersetzung mit dem Bild im Bildersturm statt.
  • Auch während der Reformation im zwinglianischen Zürich und im calvinistischen Genf wurden Bilder aus Kirchen verbannt, aber auch in den privaten vier Wänden war bildlicher Wandschmuck verpönt. Ein Bild galt als obszön, weil es ein Bild war, unabhängig davon, was es darstellte.
  • Konsequent setzte der Islam das Bilderverbot durch. Figürliche Darstellungen wählen in der islamische Kunst den nicht-gegenständlichen Ausweg des ornamentalen. Die islamische Welt trifft die Bilderflut deshalb nicht nur als eine Folge technischer und kommerzieller Möglichkeiten, sondern auch als kulturelle Ãœberfremdung.
  • Die westliche Kultur fand einen Ausweg aus dem Bilderverbot, indem sie den Bildern eine untergeordnete Bedeutung zuschrieb. Papst Gregor tolerierte Bilder für die Gläubigen als Gedächtnisstütze biblischer Geschichten und somit als Mittel zur Festigung des Glaubens. Damit wurde das Bilderverbot zwar abgemildert, weil die Bilder aber als Texte für Analphabeten, die geistig Armen, verstanden wurden (Biblia pauperum, Armenbibel), entstand daraus eine Bildverachtung. Analogien sind heute bei Comic-Bibeln und Bibelverfilmungen erkennbar.
  • Die mittelalterlichen Bilderstürme werden in der modernen Version der Bilderverachtung weiterhin fortgeführt, sei dies durch eine geringschätzige Haltung gegenüber der Bildinformation im schulischen und bildungspolitischen Umfeld, wo Bildmedien weitgehend mit Freizeitmedien konnotiert werden, oder durch die stolze Äusserung Wir haben keinen Fernseher! Aus dieser Sicht leitet sich dann oft eine kulturpessimistische Haltung ab, verbunden mit der Forderung, gerade wegen der heutigen Bilderflut müsse das Lesen (gemeint von Worttexten) stärker gefördert werden.
  • Wegen oder trotz der Bilderflut beschränkt sie sich die Schule weitgehend auf die Schriftlichkeit und befähigt somit einseitig zum Lesen von gedruckten Texten. Die Schüler, welche sich zukünftig weitgehend aus elektronischen Medien informieren werden, werden für deren adäquate Nutzung nicht gleichermassen qualifiziert sein.
  • Snobistische Haltungen gegenüber dem Bild sind auch in Printmedien zu finden. Für die französischen Tageszeitung Le Monde galt lange Zeit das Prinzip, im redaktionellen Teil keine Bilder zu verwenden. In dieses Bilderdefizit stiessen die Boulevardzeitungen vor, das Stigma der Bild-Minderwertigkeit wurde damit gefestigt.

So ist unsere Kultur trotz der Bilderflut weitgehend eine Kultur der Schriftlichkeit geblieben.

Ein Gedanke zu „Ikonoklasten

  1. Soweit ich mich erinnern kann waren Comics die ersten Bücher welche ich damals
    (noch nicht in der Lage zu lesen) angeschaut und mir damit im Kopf die Geschichten
    zusammengezimmert hatte. Noch Heute reicht ein gutes Bild (Foto) dazu aus so eine
    Geschichte entstehen zu lassen und so gesehen ist es ein sprach-unabhängiges leicht
    zu verstehendes Medium geblieben……….

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