Makrofotografie

Ein kurzes Lebenszeichen …

Mein fotografisches Dasein der letzten Zeit war weitgehend dominiert durch das Thema Makrofotografie – allerdings nicht in der Form, dass ich selbst fotografieren würde. Seit Ende 2011 unterrichte ich gelegentlich ein Modul mit ebendiesem Thema am Zentrum Bildung in Baden im Rahmen eines Diplomkurses.

Die Sache ist an sich ganz angenehm, ich halte mich an ein Konzept, welches Ali (Michael) Albat mir vorgeschlagen hatte:

Gib ein Script ab und danach kannst du machen was du willst.

Inzwischen gingen 7 Kurse über die Bühne und ich weiss inzwischen auch etwa wie die Sache abläuft. Makrofotografie ist in meinen Augen ein sehr dankbares Thema, es bietet praktisch für jede Interessenlage Anknüpfpunkte, technisch, handwerklich, gestalterisch, insbesonders auch zum Thema Lichtführung über den Umweg Tabletop. Vorallem letzteres bietet sich direkt an, weil es im kleinen Rahmen der Makrofotografie sehr gut erprobbar ist und viele Motive durchaus duldsam sind, zumindest duldsamer als dies zum Beispiel beim Genre der Reportagefotografie der Fall ist.

Einen Samstag verbringen wir dann jeweils im Botanischen Garten (BoGa) in Bern – wir haben dort genügend Platz, genügend Motive und bei schlechtem Wetter oder im Winter die Möglichkeit, uns in die Häuser zu verziehen. Obwohl ich jeweils kaum dazukomme auch mal ein Bild zu machen, sind derart doch ein paar Bilder entstanden.

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Ein paar Bilder vom BoGa finden sich in der Galerie.
Ach ja, ein paar der Bilder im Kopf dieses Blogs stammen auch von dort.

Gruss
Andreas

Grundtypen fotografischen Übels

Dinge die als Amateur getan werden bedürfen meiner Ansicht nach keiner rationalen Begründung. Gelegentlich fotografiere ich ein unscheinbares Motiv auch nur um des Fotografieren Willen, um für mich zu sehen was ich daraus machen kann. Ich mache also nicht die ganze Zeit nur Bilder, gelegentlich probiere ich einfach etwas aus – so geschrieben mag dies ganz normal erscheinen.

Personen, deren Reflektionsvermögen bezüglich Fotografie zwischen den beiden ihnen bekannten Kategorien gestellte Familienbilder und durch Gebrauch schmuddelig gewordene Pornobildchen pendelt, stellen in solchen Momenten Fragen. An sich könnte ich darüber hinwegsehen wäre da nicht der Umstand, dass das Auftauchen dieser Personen zumeist auch das Ende des unbelasteten Fotografieren und Ausprobieren bedeutet.

Es gibt zwei mögliche Verläufe des sich abwickelnden Gesprächs.

Der erste Verlauf basiert zwar auf Unverständnis, aber immerhin Interesse: Oft habe ich einen Satz Postkarten eigener Bilder dabei, kann ihnen diese zeigen und das Gespräch wendet sich zum Guten – was bedeutet, dass ich mir jetzt die Lebensgeschichte des Gegenüber anhören darf. Meist erfahre ich dabei, dass sie auch mal eine Kamera besessen hätten, nicht selten eine Leica, und irgendwann hatte sie ihre Frau verlassen. Bösartigerweise denk ich mir dann jeweils, dass da ein Zusammenhang besteht, entweder waren sie so miserable Fotografen dass ihre Frau mit ihnen nichts mehr zu tun haben wollte oder sie missbrauchten die Kamera als Vorwand um Mädchen nachzustellen.

Der zweite Verlauf ist noch etwas unangenehmer: Auch er beginnt mit der Frage nach meiner Tätigkeit. An sich wäre offensichtlich das ich fotografiere, gemeint ist aber eher, was führen sie im Schilde. Und weil gleich zu Beginn klar ist, dass dies nichts Gutes sein kann, wird eine Antwort auch nicht abgewartet und es folgt unmittelbar das Aussprechen eines Verbots und die Drohung mit der Polizei. Die Polizei zu rufen ist sicher eine gute Idee, sie wird sich bestimmt freuen und bis dahin könnte ich einfach weiterfotografieren. Der ungebetene Gast wird diese jedoch nicht beiziehen und die Zeit geistiger Windstille auch nicht nutzen um seine Aussage auch nur kurz zu überdenken, sondern irgendwelches illegal-Gefasel aus dem eigenen Weltbild ungefragt darbieten. Meistens halten sie damit nicht allzu lange durch und dann beschleicht sie das dumpfe Gefühl, dass der grosse Bruder Polizei jetzt eben nicht da ist. Leider hat sich die der Fotografie zuträgliche Stimmung meinerseits noch schneller verflüchtigt und die Sache ist somit auch gelaufen.

Zurück bleibt die Idee, dass ein Amateur sich sicherheitshalber im allgemeinverständlichen Bereich bewegen sollte, sein Zentrum des Interesses darf sich nicht von demjenigen der Nichtinteressierten wegbewegen – ansonsten macht er sich verdächtig, wenn auch soweit noch unklar bleibt, wessen er sich verdächtig macht.

Andererseits erscheint damit die Idee des Rudelfotografierens plötzlich wieder deutlich attraktiver…

Gruss
Andreas

Ikonoklasten

Fluchen konnte er, der Captain Haddock aus den Geschichten von Tim und Struppi. Einer der Flüche blieb mir in guter Erinnerung, obwohl ich damals noch nicht wusste was er bedeutet: In der Liste der 100 Flüche von Captain Haddock findet man ihn auf Platz 39: Ikonoklasten, Bilderstürmer.

Leider ist das Thema immer wieder aktuell, vor kurzer Zeit in Timbuktu in Form der Zerstörung islamischer Heiligtümer.

Vor einiger Zeit hatte ich die Idee etwas zum Thema Bilderverbot und Bildverachtung in die Webseite zu schreiben, das Thema wollte sich jedoch nicht so recht einfügen. Deshalb jetzt also hier kurz ein paar einfache Gedanken dazu, quasi aus aktuellem Anlass. Continue reading

Fotografieren mit oder trotz Regeln?

Wie wendet man Kompositionsregeln beim Fotografieren an? Diese dürfte immer dann eine zentrale Fragen sein wenn Bücher oder Webseiten zum Thema Bildgestaltung gelesen werden.
Wenn ich mir das eigene diesbezügliche Vorgehen beim Fotografieren überlege komme ich zum Schluss, dass ich diese Regeln beim Fotografieren nicht im eigentlichen Sinne anwende. Ihren Nutzen entwickeln diese Kompositionsregeln eher indem ich über sie nachdenkte wenn ich nicht am Fotografieren bin, mir jedoch von den einzelnen Fragestellungen dies sich dazu ergeben versuche einen Begriff zu machen.

Ein paar Kurzgedanken dazu:

  • Um über eine Sache nachzudenken muss man sich dazu einen Begriff machen, resp. davon einen Begriff haben.
  • Es lässt sich nicht denken wovon man keinen Begriff hat.
  • Der gemachte Begriff stellt eine Abstrahierung dar. Wird der Begriff verwendet, so stehen dahinter jeweils das ganze Set einzelner Bedeutungen, welches zu eben diesem Begriff führte und fortan zusammen diesen Begriff ausmacht.
  • Die Sprache entscheidet somit, wie und worüber wir denken.

Ein Beispiel um diese zu verdeutlichen: Ich hatte mal einen Chef, welcher gerne mit Kunden ins Labor kam und jeweils die Aufgabe stellte: “Erklären sie in einem Satz was sie hier machen”. Diese Aufgabe konnte meinerseits auf zwei Arten nicht erfüllt werden:

  • Die erste Möglichkeit bestand in der Verwendeung von Fachbegriffen, bekanntlich lassen sich mit den richtigen Begriffen auch komplexere Zusammenhänge in einfachen Sätzen darstellen. Das Problem bestand darin, das Fachbegriff mit der fachgebietspezifischen  Art des Denkens verknüpft sind und deshalb nur innerhalb des Fachgebiets verstanden werden.
  • Die andere Möglichkeit des Misserfolgs bestand darin, die notwendigen Zusammenhänge in der Antwort ebenfalls kurz anklingen zu lassen und dadurch den vorgegebenen Rahmen zu sprengen.
  • Was der Chef nie erfuhr: Es gab noch eine dritte Art, die Aufgabe nicht zu erfüllen. Ich verwendete jeweils Begriffe aus seiner Begriffswelt – er glaubte dann unter dem gesagten etwas zu verstehen und zog anschliessend weiter. Was im Labor vor sich ging erfuhr er nie.

Abstrahierungen wohnt die Gefahr inne, dass man das individuelle in ihnen vergisst und der Begriff sich von der realen Welt absetzt und verselbstständigt. Dies kann unbeabsichtigt geschehen, kann aber auch beabsichtigt sein, bei politisch korrekten Begriffen zum Beispiel, oder zur Vertuschung der wahren Verhältnisse (wie  z.B. beim Begriff “Kollateralschaden”). Dies sind dann die unglücklichen Momente, wenn wir nicht mehr verstanden werden – siehe Finanzbranche – oder eine Theorie nicht mehr in Praxis umsetzen können – z.B. bei der fotografischen Bildgestaltung.

Zurück zur Fotografie also. Nehmen wir als Beispiel die ausgelutschteste aller Regeln, den goldenen Schnitt. Anwenden bedeutet in diesem Falle, irgendeinen Punkt im Motiv zu wählen und diesen irgendwo innerhalb des Bildes zu plazieren, dass sich irgendwelche Verhältnissen im goldenen Schnitt einstellen. Dies ist doch recht unspezifisch – es wird gleich noch unspezifischer wenn wir uns die Alternative offenhalten, den Punkt nicht nach diesen Verhältnissen zu plazieren. Wir können uns daran halten oder eben nicht – so gesehen gibt die Regel genau gar nichts vor. Der Verdienst dieser Regel besteht darin, dass sie einen Begriff als Einfallstor zu einem Fragenkomplex betreffend der Einteilung der Bildfläche, resp. zu geometrischen Verhältnissen innerhalb des Bildes liefert.

So gesehen: Der Aufbau des Fotografen erfolgt parallel mit dem Aufbau von fotografischen Begriffen, zu welchen der Fotograf sich Gedanken macht. Der erste Begriff mag vielleicht “Schärfe” sein – fortan gibt er sich Mühe ein scharfes Bild zu erzielen. Bei Porträts wird der Kopf aber weiterhin in der Mitte des Bildes zu liegen kommen, weil der Fotograf sich dazu noch keinen Gedanken macht. Später wird er aufmerksam auf die Bildeinteilung, beginnt auf die Höhe des Horizontes zu achten – gleichzeitig wird er diesen auch gleich gerade ausrichten – und das Gesicht im Bild wird erstmals gezielt plaziert. Dies bedeutet jetzt nicht, dass das Gesicht nicht in der Mitte des Bildes sein wird, aber falls dem so ist wurde es vom Fotografen so plaziert während es zuvor nur dort zu liegen kam.

So führt jeder Begriff zur Bildgestaltung zu einem zusätzlichen Element. Der Fotograf wird diese Elemente intuitiv anwenden, so wie er eine Sprache spricht ohne andauernd deren Grammatik in Gedanken zu verfolgen. Jeder gestalterische Begriff wird so zu einem Wort im gestalterischen Wortschatz. Gleichermassen wie wir beim Sprechen auch nicht versuchen jedes uns bekannte Wort möglichst zu verwenden, wenden wir für die Gestaltung eines Bildes diejenigen Elemente an, welche sich im Bildgefüge als passend erweisen und erkennen, wenn sich ein ungewolltes Element einschleicht.

Gruss
Andreas

Unbeholfene, überbelichtete Bilder

Über folgenden Text bin ich gestolpert:

After wasting an afternoon taking pictures of a broken tricycle, moss on trees, and the shadow of a wrought-iron fence, Churchill Alternative High School senior Jessica Ivers falsely informed family and friends Saturday that she was getting into photography. “I love the way real film looks,” said Ivers, who has owned the old single-lens reflex 35 millimeter camera for exactly one week, and named as her favorite photographers “probably Diane Arbus” and the French guy who took the picture of the boy with the wine bottle. “I’m really fascinated by textures, and I think I’ll be able to get some good shots of my grandma’s hands this weekend.” Sources close to Ivers expect the camera to join her clarinet and yoga mat under her bed once she pays $14.85 to develop the roll of clumsy, overexposed images.

Der Text liess mich etwas ratlos zurück. Da ist der eigenartige Umstand, dass eine Nichtnachricht portiert wurde – ein etwas erweiterter Blick auf die Website zeigt, dass es sich evtl. um Satire handeln könnte.
Aber da ist noch etwas anderes, die Geschichte enthält ein unglückliches aber leider verbreitetes Muster – der hinterhältige Trick besteht ja bekanntermassen oftmals darin, dass Satire und Realität zu nahe beieinander liegen.

Gehen wir das Muster kurz durch:

Da sind also zwei Personen – Die erste zeigt Begeisterung, die zweite ist längst darüber hinweg.

Erzählt wird aus der Perspektive der zweiten Person: Deren Motivation sind die Bilder, nicht eine Tätigkeit,  und diese Bilder werden clumsy (unbeholfen) und overexpossed sein. Der Erzähler ist aufgrund der eigenen Erwartung bereits enttäuscht bevor er überhaupt Bilder gesehen hat, diese werden ihre $14.85 also nicht wert sein. Somit ist auch schon klar, dass der Nachmittag verloren war – wasting an afternoon taking pictures – welch sinnloses Unterfangen.

Auf der anderen Seite finden wir Jessica, Faszination und Tätigkeit. Sie macht einen Blick in die Zukunft und hat einen festen Glauben daran, etwas erreichen zu können, auch wenn die Blickdistanz im Artikel noch kurz und der Glaube gar konkret ist: I’ll be able to get some good shots of my grandma’s hands this weekend.

Was ist eigentlich das Thema des Textes? Es geht um nicht weniger als eine wichtigen Aspekt eines Lebensentwurfes – um die Berufswahl – um den Entscheid, ob es Berufung sein soll oder eine notwendige Tätigkeit zur Erlangung eines Einkommens – es geht um den Unterschied zwischen Lohn und Entschädigung.

Entscheidungen können aus Begeisterung getätigt werden oder aber auch aus einer zynischen Weltsicht – in diesem Fall nicht in Personalunion. Die erzählende Person weiss wie es kommen muss – das Ganze ist ja nicht neu, wie die Beispiele von Klarinette und Yogamatte zeigen. Der Erzähler wird durch seine Erwartung die Geschehnisse steuern, dadurch erhält das Ganze dann auch den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Dass es so sein wird steht schon klar im Text: falsely informed family and friends Saturday that she was getting into photography. Vermutlich war diese Methodik schon erfolgreich beteiligt als die Klarinette und die Yogamatte den Weg unter das Bett fanden – wobei die Yogamatte ja noch zu verschmerzen wäre.

Die Frage die ich mir jeweils stelle wenn ich morgens gelegentlich Gespräche von Leuten auf dem Arbeitsweg mit verfolge: bei deren Arbeit ist nichts übrig geblieben was Sinn stiften könnte, welche Begeisterungen wurden wohl bei denen schon frühzeitig totgeschlagen?

Gruss
Andreas

P.S. Wenn sie also in Zukunft in einem Fotoforum ein hoffnungsvolles, zartes Foto-Pflänzchen antreffen, welches mit Begeisterung das erste Licht erblickt – so seien sie bitte einfühlsam und lassen die Begeisterung leben – die Welt würde nicht schlechter dadurch.