Zeigen sie weniger
Eine der wesentlichen Eigenheiten der optischen Abbildung ist die Schärfeebene. Wir sind uns dieser beim Fotografieren zumindest indirekt bewusst indem wir fokussieren (oder den Autofokus dies tun lassen). Was nicht scharf eingestellt ist erwarten wir als unscharf.
Der Übergang von scharf auf unscharf ist fliessend und es bedarf einer gewissen Abweichung von der
exakten Schärfeebene bis wir diesen Motivteil als unscharf wahrnehmen. Es ergibt sich im Raum ein
Tiefenbereich, welcher als scharf abgebildet betrachtet wird
Tiefenschärfe oder Schärfentiefe?
Ob die Eigenschaft des Schärfenbereiches mit dem Begriff Schärfentiefe oder Tiefenschärfe besser gekennzeichnet ist kann unter Fotografen zu einer längeren Diskussion führen, welche zwar keine Annäherung der Standpunkte ergibt, aber abendfüllende Unterhaltung bietet. Wie auch immer, Schärfentiefe ist der einzige richtige und akzeptable Begriff, nur mit dieser Bezeichnung ist es überhaupt möglich zu fotografieren, alles andere ist Barbarei.
Ein wesentlicher Aspekt der Bildgestaltung ist nicht nur die Tatsache der Schärfetiefe, sondern auch wie sie beeinflusst werden kann. Deshalb will ich dazu ganz kurz ein paar Informationen anbringen. Wer mit der Schärfentiefe bereits gut zuwege kommt kann diesen Bereich überspringen.
In welchem Masse die Schärfe mit zunehmender Abweichung nach vorne und nach hinten von der Schärfeebene abnimmt ist vom Fotografen durch die Blende bestimmbar. Das Verhalten der Schärfentiefe kurz zusammengefasst:
Die Tiefe des Schärfenbereiches (Schärfentiefe) wird umso grösser,...
- je grösser die Distanz zum scharf eingestellten Motiv ist,
- je mehr die Blende geschlossen ist (die Blendenzahl wird grösser) und
- je kleiner die Brennweite ist.
Entsprechend wird die Schärfentiefe kleiner mit
- zunehmender Brennweite,
- grösserer Blendenöffnung und
- kleiner werdender Distanz.
Zwischen Brennweite und Distanz besteht eine Verbindung - es ergibt sich daraus die Grösse der Motivabbildung auf dem Film, der so genannte Abbildungsmassstab. Die Schärfentiefe ist also vom Abbildungsmassstab und der Blende abhängig. Mit zunehmendem Abbildungsmassstab und grösser werdender Blendenöffnung wird die Schärfentiefe kleiner, der scharf abgebildete Bildanteil wird also geringer.
Das Ganze lässt sich tabellarisch darstellen:
|
gleicher Abbildungsmassstab, gleiche Brennweite |
geöffnete Blende:
identische Aufnahmeposition, kleine Schärfentiefe |
geschlossene Blende:
identische Aufnahmeposition, grosse Schärfentiefe |
|---|---|---|
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gleicher Abbildungsmassstab, gleiche Blende |
Kurze Brennweite:
nahe Aufnahmeposition, identische Schärfentiefe |
Lange Brennweite:
entfernte Aufnahmeposition, identische Schärfentiefe |
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gleiche Brennweite, gleiche Blende |
Kleine Abbildung:
entfernte Aufnahmeposition, grosse Schärfentiefe |
Grosse Abbildung:
nahe Aufnahmeposition, kleine Schärfentiefe |
Es gibt noch eine weitere Einflussgrösse, das Film- respektive Bildsensorformat. Unterschiedliche Formate ergeben bei gleichem Bildwinkel und gleicher Blende unterschiedliche Schärfentiefen. Das grössere Format weist die kleinere Tiefenschärfe auf. Vom Kleinbildformat zum Mittelformat (6x6cm) liegt eine Differenz von etwa 2 Blenden um gleiche Schärfentiefe zu erzielen. Eine Mittelformatkamera steht also auf Blende 8 um mit einer Kleinbildkamera mit Blende 4 bezügliche Schärfentiefe gleichzuziehen. Entsprechend ist die Tiefenschärfe bei Digitalkameras infolge der kleinen Bildsensorformate grösser, die Optik muss entsprechend lichtstärker sein um geringe Tiefenschärfe zu erzielen. Bei vielen Digital-Konsumerkameras ist der Bildsensor derart klein, dass die Bilder fast alle durchgehend von vorne bis nach hinten scharf ausfallen, ein Spiel mit Unschärfen ist derart nur erschwert möglich.
Der als scharf empfundene Bereich verteilt sich nicht gleichmässig symmetrisch zur Schärfeebene. Bei grossen Abbildungsmassstäben, also kleiner Distanz, liegt jeweils ungefähr die Hälfte des Schärfebereiches hinter und vor der exakten Schärfeebene. Mit zunehmender Distanz verteilt sich der Schärfebereich zusehends stärker zugunsten des Hintergrundes um bei der so genannten hyperfokalen Distanz schliesslich bis nach unendlich zu reichen. Wenn sie dann gar auf unendlich fokussieren, haben sie zwar am Horizont noch geringfügig an Schärfe hinzugewonnen, so die atmosphärischen Bedingungen dies zulassen, aber einen grossen Teil des möglichen Schärfebereiches hinter dem Horizont verbraucht, wo er nicht überaus grossen Nutzen entfacht. Die hyperfokale Scharfstellung nutzt diese Tatsache, indem die Schärfe derart eingestellt wird, dass der scharfe Bereich genau bis zum Horizont (unendlich) reicht.
Vom Fotografen und seinen Wünschen
Wo fotografiert wird ist zumeist ein Fotograf und somit auch seine Absicht nicht weit. Im wesentlichen verfolgt ein Fotograf, welcher bewusst zu Unschärfe greift damit eines oder mehrere der folgenden Ziele:
- Tiefe andeuten
- Aufmerksamkeit des Bildbetrachters steuern (selektive Schärfe)
- Grafische Trennung erzielen
Man muss sich klar sein, das die Unschärfe immer die gleiche bleibt - nur die Absicht des Fotografen ist unterschiedlich. Es ist also die Betrachtung der Unschärfe aus drei verschiedenen Perspektiven.
Tiefe andeuten
Schärfe ist ein Träger von Rauminformation - eine spezifische Tiefe im Raum wird dadurch ausgezeichnet, unscharfe Bildpartien liegen entweder davor oder dahinter. Im Bild entsteht somit automatisch der Bereich Motivebene.
Bild: Michael
Albat
Besonders deutlich kommt dies zum Ausdruck, wenn die Ebenen nicht nahtlos ineinander übergehen, sondern durch klare Abstände voneinander getrennt sind, wie in nebenstehendem Bild.
In nebenstehendem Bild wird die Tiefenwirkung auch durch den Lichtkeil verstärkt, welcher sich von unten (vorne) nach oben (hinten) öffnet.
Bild: Ursula
Battanta
Ein unscharfer Vordergrund lenkt den Blick in die Tiefe. Entsprechend bleibt der Blick im
Vordergrund haften wenn der Hintergrund unscharf ist.
Schärfe ist also nicht nur ein probates Mittel zur Raumandeutung, sondern auch zur Lenkung der
Aufmerksamkeit in der Raumtiefe.
Selektive Schärfe
Ein Bild ist dann optimal wenn man nichts mehr weglassen kann (von wem stammt das Zitat? Ich weiss es momentan nicht). Unschärfe ist eine Möglichkeit des Weglassens. Nur das wesentliche zeigen, unwesentliches lenkt ab. Ist der Hintergrund oder Vordergrund für die Bildaussage nicht von Bedeutung, so kann er durch Unschärfe zumindest beruhigt werden. Das Eintauchen des Hintergrundes (oder Vordergrundes) in Unschärfe bietet aber nicht nur die Möglichkeit, unerwünschte Bildanteile gänzlich unwirksam zu machen. Der Grad der Unschärfe ist ein subtiles Steuerelement um genau soviel zu zeigen wie dem Bild dienlich ist.
Trotz selektiver Schärfe ist bei diesem Bild der Hintergrund nicht unwesentlich. Die Unschärfe
löscht nur die feinen Strukturen aus, das "Hintergrundmotiv" tritt schemenhaft in Erscheinung - es ist
eine grobe Skizze des Umfeldes um das Detail in dessen Einbettung zu zeigen. Ein Kontext zwischen
Motiv und Umfeld mit einer vorgegebenen Gewichtung.
Die Reduktion beginnt bei den feinsten Strukturen, mit zunehmender Unschärfe wird der Hintergrund immer mehr abstrahiert, bis er nur noch farblich wirksam ist. Hier steht den Schwarzweissfotografen eine noch stärkere Reduktion zur Verfügung, indem sich der Hintergrund auch farblich nicht mehr bemerkbar machen kann. Vom ursprünglichen Hintergrund bleibt bei maximaler Unschärfe noch ein grossflächiges hell-dunkel-Muster übrig.
Grafische Trennung
Was macht ein fein strukturiertes Motiv vor einem fein strukturierten Hintergrund? Es habt sich davon nur schlecht ab.
Dank unterschiedlicher Schärfe sind die einzelnen Elemente im Bild voneinander zu trennen. die
Schärfe greift hier vor allem in die Darstellung der Struktur ein.
Durchgehende Schärfe
Es gibt natürlich auch Bilder mit grösster Schärfentiefe, bei welchen von vorne bis hinten alles
durchgehend scharf abgebildet ist. Beweggrund für eine solche Abbildung kann eine angestrebte
Sachlichkeit sein. Jede subjektive Interpretation des Betrachters soll möglichst ausgeschlossen
werden, das abgebildete Objekt soll möglichst auch in den Details genau und vollständig erkennbar
sein. Durchgehende Schärfe ist dafür wesentlich. Eine geeignete, nicht zu kontrastreiche Ausleuchtung
ebenfalls.
Durchgehende Schärfe unterstützt die Darstellung von Kälte, entsprechend kann Wärme durch selektive Schärfe verdeutlicht werden.
Aktuelle günstige Digitalkompaktkameras haben oftmals sehr kleine Bildsensoren, die damit produzieren Bilder weisen fast zwangsläufig grösste Schärfentiefe auf. Eine Schärfeselektion innerhalb des Bildes findet nicht mehr statt, die im Bild enthaltenen Einzelelemente können ihre kompositorischen Konflikte offen austragen. Zusätzlicher, objektivnaher Frontalblitz sorgt für eine flache Ausleuchtung, ein nachsättigen der Farbe per Software ergibt den notwendigen Pepp. Et Voilà, schon ist eine Bildsprache der aktuellen Generation geboren. Nicht unerwähnt bleiben sollte, das eine solche Bildsprache einen sehr hohen, aber nicht unmöglichen Gestaltungsgrad verlangt, wenn das Bild mehr sein soll als ein kurzlebiges Livestyle-Produkt.
Interessant ist, dass gleichzeitig für alles was der Sachlichkeit nicht bedarf (z.B. Werbung) ein Gegentrend ins andere Extrem mit sehr geringer Schärfe besteht.