Die Baustelle
Zuerst die Binsenwahrheit: Es gibt gute und schlechte Bilder, wir unterscheiden diese intuitiv. Wenn wir fotografieren sind wir bestrebt erstere vermehrt zu machen und letztere nach Möglichkeit zu vermeiden. Doch was macht gute Bilder aus? Je nach Vorliebe und Erfahrungen werden verschiedene Leute unterschiedlichste persönliche Antworten darauf finden. Gemeinsam haben diese Bilder eine nicht dem Zufall überlassene Gestaltung. Auf die eine oder andere Art und Weise vermögen sie unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen und entfachen in uns eine Wirkung. Kurz: die Bilder sprechen uns an, es kommt eine Kommunikation zwischen Betrachter und Bild zustande.
Bildgestaltung ist ein Vorgang des "Suchen und
Findens", des "Ausprobieren und Auswerten". Auch darin zeigt sich, dass Bildgestaltung für jeden Fotografen
etwas individuelles ist. Damit will ich Ihnen folgendes andeuten: sie kommen nicht darum herum, selbst tätig
zu werden.
Es wäre mir ein leichtes, Ihnen das Rezept für Kreativität zu verraten. Alleine, sie wären dann durch dessen Anwendung nicht mehr kreativ. Es ist also nur zu Ihrem Besten, wenn ich Ihnen diesbezüglich etwas verschweige.
Bildgestaltung ist somit eine Baustelle, sie stellt kein abgeschlossener Prozess dar. Wer sich einmal mit Bildgestaltung beschäftigt hat kann nie mehr zurück. Bildgestaltung begleitet den Fotografen von diesem Zeitpunkt an während seinem ganzen fotografischen Dasein. Jedes Bild wird diesen gemachten Betrachtungen unterliegen, zuerst vielleicht unsicher und streng, mit der Zeit und zunehmender Erfahrung, wenn der Überblick grösser ist, lasch und lustvoll - kreativ. Der Fotograf wächst an der Bildgestaltung. Bildgestaltung ist somit nicht nur ein Aspekt eines einzelnen Bildes, sondern des gesamten Werkes eines Fotografen, dieses wird eine Entwicklung aufzeigen.
Muss der Fotograf sich um Bildgestaltung kümmern? Haben wir nicht schon genug Regeln? Sich darum kümmern muss er natürlich nicht. Aber: Jeder Fotograf betreibt Bildgestaltung, der eine bewusst, der andere unbewusst. Wählen sie Hoch- oder Querformat, Weitwinkel oder Tele, farbig oder schwarzweiss? In jedem dieser Fälle handelt es sich um Aspekte der Bildgestaltung. Fotos ohne Gestaltung gibt es nicht, kein Fotograf kann sich der Bildgestaltung entziehen. Er kann ihr jedoch ungenügend Achtsamkeit schenken oder sie dem Zufall resp. der Gedankenlosigkeit überlassen. Bilder werden auch intuitiv gestaltet, dagegen ist nichts zu sagen. Neue Wege und Ideen führen zu neuen Zielen, sie sind jedoch schwer abschätzbar und nicht selten steinig.
Dazu ein kleiner Vergleich: Wenn sie
einen Roman schreiben, was ist von Bedeutung?
- Die Geschichte sicher als erstes.
- Dann werden sie die Hauptdarsteller Ihrer Geschichte gestalten, Charaktere sollten es sein.
- Sicher werden sie sich auch Gedanken zum Schreibstil machen.
- Und als letztes beschaffen sie sich ein geeignetes Schreibgerät, Computer oder Schreibmaschine.
Genau gleich verhält es sich mit der Fotografie. Die Geschichte wird zum Motiv, Die Charaktere entsprechen Symbolen resp. Farben, der Schreibstil wird zur Bildgestaltung und das Schreibwerkzeug zur Kamera.
Aus diesem Vergleich können wir auch gleich weiteres ableiten. Das Motivs geht vor, es macht das Bild. Symbole und Farben müssen das Motiv unterstützen. Die Bildgestaltung macht das Bild lesbar. Nur wenn sie einen grossen Wortschatz haben und die Sprache in Nuancen beherrschen - sorry, ich bin abgeschweift - nur wenn sie die Elemente der Bildgestaltung beherrschen, sind sie imstande, das Bild aussagekräftig zu gestalten. Und die Kamera können sie sicher perfekt bedienen. Bildgestaltung ist also kein Selbstzweck, kein Ziel, es ist eine Notwendigkeit um zu einer Bildaussage zu gelangen. Bildgestaltung ist kein Regelwerk wie man des öfteren hört oder liest und hat auch keinen Gesetzescharakter. Bildgestaltung ist ein Qualitätsaspekt des Bildes, der Vorgang des Gestaltens beruht nicht auf Gesetzen, sondern auf Erkenntnis.
Vorweg: Es gibt keine Kamera, die von sich aus gute oder schlechte Bilder macht. Aber es gibt gute und weniger gute Fotografen. Die Steigerung hin zum guten ergibt sich durch ein zum Teil vermittelbares Sehtraining. Das Sehtraining selbst, ist einmal der Einstieg gefunden, ist ein Prozess, der lebenslänglich andauert. Er unterliegt einer unbemerkten Verselbständigung, so dass seine Entwicklung später beinahe unbeeinflussbar fortdauert.
Die Behauptung, der eine hat's eben und der andere nicht, stimmt nur bedingt. Um für sich selbst festzustellen, inwieweit eine Trainierfähigkeit, also Eigenkreativität möglich und erreichbar ist, hilft nur das eigene Experiment.Karen Ostertag in "die Fotokomposition"
Komposition ist ein Mittel, nicht ein Ende, und die vollkommenste Komposition rechtfertigt nicht ein belangloses Bild. Komposition ist ein Werkzeug, um den Eindruck des Bildes zu steigern. Vorausgesetzt, dass Bildinhalt und fototechnische Behandlung gleichwertig sind, macht ein gut komponiertes Foto einen stärkeren Eindruck als eines mit schwacher Komposition. Das ist das ganze Geheimnis.
Andreas Feiningers grossen Fotolehre, Seite 434.
Hat der Fotograf dies gesehen?
Bildgestaltung lässt sich (unter anderem) anhand konkreter Bilder diskutieren. Diesbezügliche Bildbesprechung ist der Versuch, einen Eindruck analytische zu belegen. Dies führt gelegentlich zur kritischen Frage, ob der Fotograf selbst dies alles "gesehen" hat. Hat das Bild eine überlegene Gestaltung, so darf durchaus davon ausgegangen werden, dass diese nicht zufällig entstand. Dies bedeutet jedoch noch nicht, dass der Fotograf einen analytischen Gedankengang vor der Aufnahme exakt durchgeführt hat. Er hatte die Gestaltung beim Bild angewendet, gleich wie sie Sprache anwenden um zu sprechen. Sprache muss vorgängig ebenfalls erlernen werden, wird sie aber erst einmal beherrscht, so bereitet sie in der Anwendung kaum mehr Mühe und funktioniert aus dem Unterbewusstsein.
Bildgestaltung wird aber nicht nur vor der eigentlichen Aufnahme betrieben. Gestaltung findet auf dem Weg zum abschliessenden Bild auch bei der Selektion und der Weiterverarbeitung resp. Ausarbeitung statt.
- Aufnahme: Perspektive, Licht, Schärfe...
- Selektion: Auswahl des besten Bildes, Ausschnittbestimmung...
- Ausarbeitung: Korrekturen (schräger Horizont, Kontrast, Farben...)
- Präsentation.
Eine erhöhte Anzahl Bilder beim Aufnehmen (Szenendeutsch: "Shooting on Location") erlaubt eine strengere Selektion. Doch bedenken sie: sie können nur selektieren was sie auch aufgenommen haben. Die Bildqualität steigt alleine aufgrund der Masse nicht. Wenn nicht spezielle Gründe dagegensprechen (z.B. Einmaligkeit des Geschehens), schenken sie bereits bei der Aufnahme der Gestaltung maximale Aufmerksamkeit. Für die Selektion haben sie dann weniger Bilder zur Verfügung, dafür aber von besserer "Gestaltung". Diese Aufmerksamkeit ist "Bewusstes Sehen" bereits bei der Aufnahme.
Mich befällt zuweilen das nackte Grauen, wenn ich in Foren lese, ein Fotograf sei von einem zweistündigen Fotoanlass mit 500 Bildern zurückgekommen. Wie viel Zeit hat er für ein einzelnes Bild wohl aufgewendet?
Diese Seiten...
Im Gegensatz zu rein technischen Aspekten betreffend Fotografie existiert zum Thema Bildgestaltung im Web
nur wenig hintergründiges. Auf diesen Seiten will ich versuchen, ein paar Aspekte betreffend Bildgestaltung
zusammenzutragen. Das allermeiste entstammt Büchern, Artikeln, Darlegungen und Meinungen von Anderen. Mein
Beitrag sehe ich im Sortieren und Zusammenfassen des Materials, welches sich im Laufe der Zeit durch mein
"Suchen und Finden" angesammelt hat.
Vorerst muss es genügen wenn ich ein Gerüst erstelle und das Thema erst dann zunehmend vertiefe. Wichtig ist
mir, Bildgestaltung nicht dogmatisch darzustellen. Wer mehrere Bücher zum Thema liest kommt zum Schluss, dass
durchaus mehrere Meinungen richtig und stimmig sind. Insofern werde ich auch mal Widersprüchliches in diesem
Kapitel dulden - dies soll nicht der Verwirrung dienen, sondern eine Art Zweitmeinung anbieten, damit der
geneigte Leser seinerseits eine eigene Meinung bildet (bilden muss). Ein unsicheres Unterfangen, ich bin
selbst gespannt wo dies hinführen wird.
Die Stützen der fotografischen Bildgestaltung
Das Ziel der Bildgestaltung
ist "das gute Bild". Schnell ist eine Floskel geboren, sie klarer zu definieren
nicht immer ganz einfach. Gibt es "das gute Bild"? Insbesondere gibt es unterschiedlichste Bilder, welche alle
gut sein können. Was ist der gemeinsame Nenner? Damit beschäftig sich der Text Ein gutes
Bild. Er ist eine Art Metabildgestaltung - Betrachtungen über die Wirkungsmechanismen von Bildern.
Um über Bildgestaltung zu sprechen, scheint es mir sinnvoll, anschliessend den Katalog der Gestaltungselemente zu erstellen - Einerseits ergibt sich daraus ein gemeinsamer Wortschatz, über welchen wir uns unterhalten, andererseits bietet sich der Katalog als Gliederung an, um nicht alles gleichzeitig durcheinander diskutieren zu müssen.
Während langer Zeit haben Zoologen jede neue entdeckte Tiergattung zuerst totgeschlagen, in Formalin eingelegt und danach mit deren Studium begonnen. Ausser einer feinen Katalogisierung der inneren Organe haben sie solcherart nicht viel über die Tiere erfahren.
Der Versuch einer sehr groben Einteilung der Gestaltungselemente:
- Geometrische Elemente der Bildgestaltung
Die Bedeutung des Bildformats und der Einteilung der Bildfläche. Linien und Punkte im Bild, die Wirkung von Formen, Flächen und Strukturen. - Perspektive
Ob sie von vorne, seitlich oder frontal, oben oder unten fotografieren spielt eine wesentliche Rolle. Die Perspektive beeinflusst unweigerlich auch den Hintergrund. - Licht und Beleuchtung
Zeigen sie Ihre Abbildung in bestem Licht. Seiten- oder Gegenlicht kann durch Schattenwurf eine Abbildung dramatisieren, Frontallicht bewirkt eine sachliche Darstellung mit bestmöglicher Zeichnung. - Farbe
Farbe beeinflusst den Informations- und Stimmungsgehalt. Sie haben nebst einer optischen Wirkung auch eine psychologische Komponente. Sie beleben oder beruhigen ein Bild. - Schärfe resp. Unschärfe
Schärfentiefe und Bewegungsschärfe (resp. Unschärfe) sind starke und gleichzeitig subtile Elemente der Bildgestaltung im Dienste der allgemeinen Bildstimmung. - Struktur
Ein wesentliche Element der Abbildung, so wie Geometrie den Umriss zeichnet bildet Struktur den Inhalt ab. - Die Komposition schliesslich, das Zusammenfügen zu einem Ganzen - die Anwendung einiger einfacher Kompositionsschemata.
Motivauffassung
Mit der Motivauffassung schliesslich kommt
der Fotograf ins Spiel. Die Elemente der Bildgestaltung sollen im Dienst seiner Bildidee eingesetzt werden. Da stellt
sich doch gleich eine wesentliche Frage: Muss der Fotograf eine Bildidee haben?
Ich denke schon, ich bin auch überzeugt, dass er eine Idee hat, zumindest unbewusst. Sie liegt irgendwo in der Spannweite objektiv bis subjektiv, realistisch bis abstrakt, als Balance zwischen Ästhetik und Informationsgehalt.
Die Bildidee besteht aus zwei Teilen, eine Teil bezieht sich direkt auf das Motiv. Zuweilen mag sie auch
erst während der Aufnahme entstehen, was nicht weiter schlecht ist, so man imstande ist, sie im Moment als
solche zu erkennen.
Den zweiten Teil der Bildidee tragen sie dauernd mit sich rum. Es sind dies ihre Ansichten zur Fotografie,
ihre persönliche Meinung, was ein gutes Bild ausmacht. Womit sich der Kreis wohl schliesst.