Wie ein Fotograf mit Licht umgehen kann

Gleichermassen wie der eine Fotograf seine Bilder vollständig inszeniert und der andere seine Bilder unverstellt sucht, gibt es auch verschiedene Methoden nach welchen Fotografen Licht zu ihrem Zwecke nutzen:

Im Zentrum der Available Light Fotografie steht die Idee, vorhandenes Licht zu nutzen. Damit ist auch angedeutet, das der Fotograf nicht einfach nur passiv akzeptiert was er vorfindet, sondern dass er vorhandenes Licht sich zu Nutzen macht. Man könnte sagen, der Fotograf sucht das Licht weil er dessen Stimmung ins Bild übertragen will. Damit wird das Licht zum eigentlichen Motiv. Jetzt wird auch klar: Wenn die Stimmung durch das Licht entsteht sollte man das Licht nicht ändern.

Available Light kann aber auch als fotografische Einstellung im Sinne der Reportage verstanden werden, der Fotograf nimmt das Bild, greift aber selbst nicht in das Geschehen ein. Und nicht zuletzt sollte man nicht vergessen, manchmal ist das vorhandene Licht die einzige Möglichkeit um an ein Bild zu kommen.

Licht sehen ...

Vielfach wird Available Light verstanden im Sinne von wenig Licht. Dies mag eine gewisse Berechtigung haben weil nicht selten knappes Licht besondere Stimmungen erzeugt. Im allgemeinen kann jedoch jedes Licht als Available Light aufgefasst werden:

Available light is any damn light that is available!

W. Eugene Smith

Fenster sind Lichtquellen, manchmal auch
wenn man draussen steht.

Aus diesen verschiedenen Lichtsituationen ergibt sich für den Fotografen keine allgemein gültige Art des Handelns. Was er jedoch immer machen kann, ist das Licht bewusst wahrnehmen. Bei Joe McNally liesst sich das so:

Wenn ich ein Fenster sehe, sage ich oft Dinge wie "schöner Ausblick" oder so. Im meinem Kopf heisst das jedoch immer "Lichtquelle"

Joe McNally, Der entscheidende Moment, S.70

Dieses Sehen von Licht lässt sich gleichermassen trainieren wie auch Bildgestaltung durch stetige bewusste Anwendung zu besseren Bildern führt. Auf das Sehen folgt das Analysieren der Lichtsituation auf ihr Potential für ein gutes Bild. Andererseits lassen sich Lichtsituationen auch voraussehen und der Fotograf kann sich dann darauf vorbereiten. Es handelt sich hier also nicht um eine Anleitung um aus jeder Situation ein gutes Bild zu machen, sondern eher um eine Methode um Möglichkeiten nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Licht ist eine immerwährende überraschende Angelegenheit.

Joe McNally

Vorerst geht es also darum, von der Lichtsituation eine Art Auslegeordnung zu erstellen, einen Überblick zu gewinnen noch ohne zu werten.

Mischlicht, klar abgegrenzt, eher hohe
Kontraste...

Eine wichtige Frage gilt immer auch dem Kontrast. Ist die ganze Szenerie dem gleichen Licht ausgesetzt, so ergibt sich der Kontrast des Motivs hauptsächlich durch Unterschiede in der Helligkeit der Objekte zu der von deren Schatten. Diese Helligkeitsunterschiede sind zumeist nicht sehr hoch wenn das Licht weich ist, der Kontrast nimmt aber schnell zu bei hartem Licht.

Ein nicht unwesentlicher Faktor sind störende helle Lichter im Hintergrund, sie gleich von Anfang an bewusst zu sehen ist vorteilhaft weil diese in einem Bild stark Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Das Ausschalten dieser Lichter durch überlegte Wahl des Standortes und damit der Perspektive kann vorteilhaft sein.

Um all diese Aspekte besser abschätzen zu können, respektive um eine (numerische) Zweitmeinung einzuholen kann heutzutage auch die Kamera befragt werden. Die Werkzeuge zur Analyse sind

Nebst den Tools zur Analyse gibt es für Szenen mit hohem Kontrast auch ein paar sinnvolle Kamera-Einstellungen:

Ein Bild denken ...

Eine grobe Grafik gezeichnet mit dem
verfügbaren Licht. Das Hauptmotiv wird mit
Schatten gerahmt.

Jetzt können wir daran gehen uns ein Bild zu denken. Es geht um den Vorgang des Auslotens der Möglichkeiten, was lässt sich mit dem vorhandenen Licht gewinnen.

Bei Porträtaufnahmen können wir arrangieren. Damit das Licht auf das Gesicht fällt kann sich eine Person drehen, eventuell kann sie umplaziert werden. Eine flach auf dem Tisch liegende Zeitung dient als Aufheller, eine bewegliche Lampe kann verschoben werden, sie sehen, der Möglichkeiten sind viele.

Allgemein richtet sich bei beweglichen Objekten deren Positionierung nach dem Licht, bei unbeweglichen Motiven haben wir die Wahl des Aufnahmestandortes respektive der sich daraus ergebenden Blickrichtung.

Mit dem vorhandenen Licht machen wir eine Grafik aus Licht und Schatten, so können wir zum Beispiel mit Schatten ein Motiv rahmen. Wir suchen den Ausschnitt, den Hintergrund, die Lichtrichtung und beobachten jeweils wohin der Schatten fällt.

Das Licht einfangen ...

Tonwerte, dunkle und helle, stark
reflektierende Stellen.

Eine wichtige Frage gilt den Tonwerten.

Das Werkzeug der Wahl hierfür ist die Spotmessung. Die Belichtung der Schlüsselstelle wird damit im manuellen Belichtungsmodus abgeglichen auf Null. Anschliessend erfolgt eine Korrektur entsprechend dem zugedachten Tonwert. Liegt der Tonwert in den Lichtern, erfolgt die Korrektur hin zu mehr Belichtung, liegt er in den Schatten, hin zu weniger Belichtung.

Ausgehend vom gewünschten Tonwert der Schlüsselstelle ergeben sich die Tonwerte aller anderen Bildbereiche. Je nach Differenz zeigen sie Zeichnung, saufen ab (werden schwarz) oder fressen aus (werden weiss). Auch hier gilt: eine Kontrollaufnahme kann den Sachverhalt klären.

Der letzte Schritt ist jetzt noch der Weissabgleich, er entscheidet ob die Lichter warm oder kalt erscheinen und macht damit weitgehend die Stimmung. Auch hier empfiehlt sich die manuelle Vorgabe.

Dies ist also eine Methode um sich an ein Bild heranzutasten, jeder Aspekt der Lichtstimmung findet sich in des Fotografen Hand, ohne Automatik wird die Kamera endlich zu einem wahren Werkzeug. (Regieanweisung: vorzutragen mit einer Südstaaten-Prediger Stimme) Wer jetzt unsicher sein sollte, dem sei gesagt: dies ist eine gute Nachricht. Man könnte einwenden, dieser Vorgang sei aufwändig, doch ist er es nur einmal. Ist die Kamera erst einmal auf eine Lichtsituation abgeglichen, so kann dieser Abgleich für diese Szene weitgehend beibehalten werden. Auch wenn bedingt durch die Komposition die Anteile von Hell und Dunkel innerhalb der Bildfläche sich verändern, die Tonwerte der einzelnen Motivstellen bleiben erhalten, einzige Bedingung ist nur, dass das Licht sich nicht ändert. Amen.

Handwerk und Equipment...

Der Begriff der Available Light Fotografie wurde aber auch von der Idee geprägt, zum Vorteil der Stimmung in einigen Situationen auf ein gewisses Mass an technischer Bildqualität zu verzichten. Der Begriff Available Light entstand nicht zufällig im Zeitraum der zunehmenden Verbreitung von Kompakt-Blitzgeraten und der damit einhergehenden Bild-Unästhetik. Etwas überspitzt und vereinfacht dargestellt:

Die technischen Mängel bei Available-Light-Bildern waren also direkte Folgen des knappen vorhandenen Lichts:

Dies waren also die Zutaten für die Available-Light-Bildästhetik. Technische Mängel mussten diese Bilder emotional über den Inhalt kompensieren. An der Available Light Fotografie haftet also der Geruch des Unperfekten, dafür aber authentischen. Man kann die Mängel natürlich auch heute noch als LoFi-Ästhetik anstreben, doch was zu Filmzeiten schwer zu umgehen war muss heute nicht mehr in diesem vollem Umfang zutreffen, auf jeden Fall sollte Available Light nicht als Ausrede für schludrige Bilder dienen. Die möglichen Massnahmen zur Vermeidung der Mängel bilden das Handwerk der Available-Light-Fotografie.

Nacht in Biel, fotografiert aus der Hand mit
Abstützen der Kamera an einem Verkehrsschild,
von welchen es in Biel praktischerweise nicht
zu wenige gibt.
Objektiv: 50mm/1,4 bei Blende 2,0.

Es gibt in der Available-Light-Fotografie eine Abneigung gegen Stative, wohl auch bedingt durch die Reportageidee. Der eingehandelte Nachteil ist die Unschärfe durch Verwackeln. Allerdings wären Unschärfeprobleme auch mit Stativ nicht in jedem Fall zu lösen, nebst dem Verwackeln gibt es bekanntlich auch noch die Unschärfe durch bewegte Motive. Ziel ist also in beiden Fällen, die Belichtungszeit kurz zu halten.

Damit kommen wir zum schönsten Teil der Available Light Fotografie: Wir haben eine Begründung gefunden für lichtstarke Objektive.

Für Lichtstärke gibt es zwei Werte: F-Stop und T-Stop.

Unter Berücksichtigung der aus der Hand haltbaren Belichtungszeiten führen diese Überlegungen zu lichtstarken Objektiven mit fester, aber nicht all zu langer Brennweite. Ihr Fotohändler wird diesen Gedankengang mit ihnen sicher gerne vertiefen.

it is unlikely that you'll ever hear someone wistfully saying, "if only I had bought a slower lens".

Neil van Niekerk

Ich bin allerdings auch der Meinung, wenn sie schon viel Geld ausgeben für ein lichtstarkes Objektiv, dass sie dieses dann auch bei Offenblende oder nur wenig abgeblendet verwenden sollten, selbst dann wenn irgendwo im weiten Web ein Test besagt, dass die optimale Schärfeleistung erst bei Blende 4 oder 5,6 erreicht wird. Damit handeln sie sich auch gleich die sichtbare Randabdunklung und die unter Umständen zu geringe Schärfentiefe ein und werden feststellen, dass unabhängig ihrer Sorgfalt einige Mängel bleiben, auch wenn das Korn der Analogzeit durch ein geringes Rauschen bei hohen ISO-Werten ersetzt wurde. Willkommen bei der Available Light Fotografie.