Auf das Schreiben dieses Reviews hab ich mich gefreut.
Um dieses Review hab ich mich lange herumgedrückt.

Wie schreibt man einen Holga-Testbericht?

Objektivität ist das eigentliche Gütekriterium von Testberichten. Sachlich, eventuell sogar vergleichend soll das Objekt auf dem Prüftisch Schicht um Schicht vom Werbemantel entkleidet werden, auf dass wir erkennen, welche Katze uns im Sack verkauft werden soll. Das mag ein gutes Verfahren sein für sagen wir mal Objektive, welche an einer Kamera derart arbeiten sollen, dass im papierenen Endergebnis ihre individuellen Spuren möglichst nicht zu finden sind.

In diesem Review geht es jedoch um die Holga, eine so genannte Toykamera. Grottenschlecht in jeder Beziehung hat sie trotz dem verwendeten professionellen Mittelformatfilm im Kreis der Rollei-Zeiss-Hasselblad-Fraktion (zu welcher ich mich ansonsten sinngemäss auch zähle) schlechte Karten. Trotzdem geht für einige Fotografen von dieser Kamera eine eigenartige Faszination aus.

Als objektive Beschreibung einer Kamera ist der Holga nicht gerecht zu werden. Berechtigterweise wird Unverständnis oder gar Ablehnung das Resultat sein, im besten Fall Belustigung.

Ausserdem: Michael "Ali" Albat versteht mich nicht wenn es ums Thema Holga geht, er hält die Kamera bestenfalls für Zeitverschwendung, womit er bedingt nicht unrecht hat. Ich glaub nicht, dass sich dies grundsätzlich ändern wird. Ihm möchte ich diesen Artikel widmen.

Ein Fazit aus fotografischer Sicht ist zu ziehen, die nichttechnische Klarheit zu schaffen, welche in Reviews gerne vernachlässigt oder mit technisch scharfen Worten unschön geschönt wird. Nebst all den technischen Aspekten ist zu ergründen, was mit dem Ding sinnvoll zu machen ist respektive ob darauf überhaupt jemand gewartet hat. Ross und Reiter sind zu benennen wie Ali zu sagen pflegt.

Beginnen wir gleich damit: Auf die Holga hat niemand gewartet. Wohl auch Frederic Lebain nicht, als er (vermutlich) 1998 in einem Fotoladen in New York auf die Kamera stiess. Was sich da genau abspielte weiss ich nicht, aber er dürfte die Kamera vor allem gekauft haben weil sie sehr billig und er bei guter Laune war. Die ersten Bilder hat er wohl gemacht ohne eine spezielle Erwartung daran zu knüpfen, ausser der nahe liegenden Vermutung, dass sie nicht von hoher technischer Qualität ausfallen würden.

Aber irgendwas musste ihn an diesen Bildern gefesselt haben. Auf jeden Fall hatte er die Kamera danach nicht weggelegt sondern seine Ferien mit der Holga fotografiert, was dann später auch als Buch unter dem Titel Mes vacances avec Holga herausgebracht wurde. Dieses Buch wiederum wurde dem Holga Starter-Kit beigelegt (Anmerkung: Inzwischen liegt ein anderes Buch bei). Es ist heutzutage selten, dass einer Kamera nicht nur eine Bedienungsanleitung beiliegt, sondern auch eine mögliche Antwort auf Sinnfragen.

Ich darf somit schon jetzt festhalten: Eine Holga kann offenbar Sinn machen, nicht indem sie eine der üblichen Verbesserungen oder Weiterentwicklungen von bestehendem darstellt, nicht indem sie gemessen an oder verglichen mit anderem Equipment wird. Der Sinn liegt in den spezifischen Eigenarten der Kamera und ihren Wechselwirkungen mit dem Fotografen.

Machen wir deshalb aus dem Review zwei Teile:

Was ist die Holga?

Die Holga ist eine in China billigst hergestellte Sucherkamera. Eine Plastikkiste mit einer Art Optik, einem Verschluss und einem Guckloch. Weder Messung, Autofokus oder Motor und auch kein Glas - richtig, auch die Linse ist aus Plastik. Professionell ist nur der 120-er Rollfilm, mit dem das Ding gefüttert werden will.

Um die Kamera kurz zu charakterisieren:

Ich hab mich oft gefragt, zu welchem Zweck die Kamera hergestellt wurde, zu einem abschliessenden Urteil bin ich nicht gekommen, doch mit folgendem Gedanken dürfte ich wohl nicht völlig falsch liegen: Sicher war die Kamera 1982, als sie erstmals hergestellt wurde, nicht als Toykamera gedacht.

Ein paar Features bedürfen der näheren Erläuterung. Das wichtigste zuerst, die...

...Abbildungseigenschaften der Optik

Zuerst mal: Die Optik hat 60mm Brennweite, für das 6x6-Format ist dies ein leichter Weitwinkel.
Dann: Die Holga kann auch scharf abbilden, zumindest in der Bildmitte.

Im Bild rechts kriegen sie einen Ahnung der Abbildungsleistung. Sind sie beeindruckt?

Es sind so ziemlich alle Abbildungsfehler enthalten, zu welchen eine derart einfache Optik fähig ist, im besonderen sehr gut sichtbare Randunschärfe. Das eigentliche Charakteristikum jedoch ist, dass das Objektiv das 6x6-Filmformat nicht in vollem Umfang auszuleuchten mag, eine ausgeprägte, unübersehbare Abdunklung der Bildecken (Vignettierung) ist die Folge davon.

Das Verschlussdingsbumsdings

Es hat an der Holga eine Mechanik, welche eine Belichtungszeit bildet. Zum Fotografieren ist das ganz praktisch, um nicht zu sagen, geradezu notwendig. Genau eine Zeit stellt uns die Kamera zur Verfügung, wobei das Wort "genau" für die Anzahl steht und nicht für die Zeit. Das ist (zwangsweise) genügend, wer braucht schon mehr als eine Verschlusszeit. Man munkelt von einer Hundertstelsekunde, ich gehe von einer grossen Toleranz aus.

Dann ist da auch noch eine Blendenwahl, versehen mit Symbolen für bewölkt und sonnig. Zuviel des Aufwandes, beide Einstellungen ergeben die gleiche Blende. Der Hebel ist wirkungslos, war sicher nett gemeint, aber auch hier gilt: Es geht offensichtlich ohne. Die vorgegebene Blende ist 8 (gemäss Angaben auf der Optik). Sie kennen den Spruch: Blende 8 und der Fotograf lacht...

Noch was: Das Ding nennt sich zwar Verschluss, verschliessen tut es aber nicht wirklich gut. Es ist keine schlechte Idee, den Schutzdeckel auf der Optik zu lassen wenn man gerade nicht fotografiert.

Die Fokussierung

Zum Scharfstellen verfügt die Holga über superpräzise kleine Symbole, welche ungefähr über die eingestellten Distanzen von Einzelporträt bis Berg Auskunft geben. Die Nahgrenze (Einzelporträt) liegt bei etwa einem Meter.

Der Sucher

Die Holga verfügt über einen einfachen Durchsichtsucher. Er versteckt nichts, allerdings zeigt er auch nichts Unerwartetes wenn man durchschaut. Trotzdem, es ist durchaus chique, den Sucher zu gebrauchen, um nicht in den Verdacht zu kommen, die Fotografie mit zuwenig Ernsthaftigkeit zu betreiben. Was man im Sucher sieht ist anschliessend bestimmt auch auf dem Bild, einiges mehr ebenfalls. Das Sucherbild zeigt einen deutlich zu kleinen Ausschnitt, aber die Richtung stimmt.

Die Rückwand

Die Rückwand sorgt dafür, dass der Film nicht dauernd raus fällt. Diese Aufgabe meistert sie souverän. Natürlich sollte sie auch das Licht vom Film fernhalten. Mehr oder weniger gelingt ihr auch dies... eigentlich eher mehr weniger.

Mit schwarzem Isolierband sind die Schlitze beim Übergang zum Gehäuse oberhalb und unterhalb der Rückwand abzudecken, wenn kein zusätzliches Licht auf dem Film erwünscht ist - ebenso das Bildnummern-Fenster, durch welches die Nummer auf dem Schutzpapier des Films abgelesen werden kann. Wird das Bildnummernfenster nicht abgedeckt, so darf damit gerechnet werden, das die Bildnummer als Durchbelichtung auf dem Bild zu finden sein wird. Eine Art Databack also.

Die nebenstehende Aufnahme entstanden mit nicht vollständig abgeklebten Schlitzen. Wenn also ein Bild keinen Lichteinfall zeigt, so bedeutet dies, alle Schlitze rund um die Rückwand waren mit schwarzem Isolierband vollständig abgeklebt.

Gleichzeitig bedeutet dies auch, der Lichteinfall lässt sich durch den Fotografen zwar nicht steuern, aber doch beeinflussen. Die verschiedenen Stufen des Lichteinfalls sind:

Der Einflussmöglichkeiten sind also viele. Generell möchte ich empfehlen, für Experimente mit Lichteinfall Farbfilm zu verwenden. Da der Lichteinfall oftmals nicht direkt ist, entstehen zum Teil die schönsten Farbschleier in allen Rot- und Gelbtönen. Auf S/W-Film hingegen wirken sich diese Verschleierungen kaum je vorteilhaft aus.

An den Halteklammern für die Rückwand ist ebenfalls der Kameragurt befestigt. Wenn sie die Kamera um den Hals tragen und sich diese zwischendurch auf den Kopf dreht weil die Klammern dies begünstigend auf Höhe des Kameraschwerpunktes angebracht sind, dann kann es schon mal vorkommen, dass das Klebeband temporär auch die Funktion der Halteklammern für das Zuhalten der Rückwand übernimmt. Die Sache hat also praktisch fast nur Vorteile.

Die Filmmaske

Die Kamera ist gemacht für das quadratische 6x6 Format. Das mag so vielleicht noch nicht ganz stimmen, denn die Optik vermag das Quadrat nicht auszuleuchten und die Filmmaske gibt im Originalzustand (je nach Kameramodell?) nur ein 6x4,5cm Fenster frei. Ein Grossteil der holgatypischen Abbildungsart bleibt derart dem ahnungsvollen Neuholgagrafen in der Grundausführung erspart. Die Anleitung empfiehlt, die Filmmaske zu entfernen um zu kriegen was der Holga-Fotograf verdient. Obwohl kleine Leiden zum Glücksgefühl gehören, derart besteht die Gefahr, die Filme zu zerkratzen. Shortcomings in Ehren, aber das ist ungefähr genau eines zu viel.

Es geht besser. Da sie für die Holga von niemandem irgendwelche Garantie erwarten, können sie gleich von Beginn an Modifikationen anbringen. Küchenmesser hervor und aufgesäbelt die soeben noch neue Maske. Mit der Nagelfeile die Kanten entschärft und fertig ist das Handwerkstück. Sind die Kanten nicht genau gerade, so betrachten sie dies fortan als persönliche Note.

Filmtransport

Der Filmtransport ist denkbar einfach, jeder kann ihn begreifen: sie drehen an einem Rad oben am Gehäuse und der Film wird transportiert. In der Rückwand ist ein Fensterchen, durch das sie das Schutzpapier des Filmes und die dort aufgedruckten Bildnummern sehen. Somit wissen sie jeweils, wie weit sie drehen sollen.

Der Filmtransport ist unabhängig vom Verschluss, kein Spannen und keine Auslöse-Sperre. Somit sind für den Fotografen alle Optionen offen. Von gezielten Doppelbelichtungen über alle Aufnahmen auf ein Bild bis hin zu kreativen Bildüberlappungen ist alles möglich. Oder auch nur eine Belichtung pro Bild, falls Ihnen danach zu Mute ist und sie noch wissen, ob sie den Film nach dem letzten gemachten Bild schon transportiert haben.

Der Blitz

Das Standardmodell der Holga verfügt über einen Blitzschuh mit Mittenkontakt. Viele Blitzgeräte können dadurch direkt eingesetzt werden, Studioblitzgeräte mittels Blitzschuhadapter. Verfügt der angesetzte Blitz über Computerblende für Blende 8, so haben sie sogar eine Belichtungssicherheit, die sie ansonsten bei der Kamera gar nicht gewohnt sind.

Eine besondere Eigenart der Holga ist, bei jeder Aufnahme zwei Blitze auszulösen. Der erste beim Drücken des Auslösers, der zweite beim Loslassen.

Es gibt aber auch Holgamodelle mit eingebautem Blitz. Dazu ist zu sagen, dass dieser mit der gleichen Konsequenz optimiert wurde wie die restliche Holga. Er lässt sich ein- und ausschalten, das ist alles. Irgend eine Messung oder Blitzregelung existiert nicht, es wird auch keine Leitzahl angegeben (diese ist bei der Holga sowieso sehr stark vom Zustand der Batterien abhängig). Ich hab darauf verzichtet irgendwas zu messen und einfach mal probiert ob's geht. Es funktioniert. Der Blitz ist zudem gar nicht so schwach wie man dies erwarten würde. Wenn sie die Kamera mit Blitz auf kurze Distanz vor ihrem Gegenüber auslösen, so wird diese Person gefühlsmässig für die nächsten fünf Minuten halbtransparent und orientierungslos herumgeistern.

Eine Kleinigkeit noch: Wenn sie beim Blitzmodell die Filmmaske auf das 6x6-Format erweitern, dann schneiden sie zwangsläufig ein Teil der Halterung für die Batterien weg. Schon bei geringem Schütteln der Holga können diese dann raus fallen und liegen irgendwo im Innenraum vor dem Film rum. Auf die Abbildung wirkt sich dies nicht positiv aus. Das Isolierband, welches sie verwenden um Lichtlecks abzudichten, können sie deshalb auch gleich einsetzen um die Batterien festzukleben. In oben stehendem Bild mit der aufgeschnittenen Filmmaske erkennen sie unter der Maske auch gleich die mit schwarzem Klebband fixierten Batterien.

Filmwahl

In die Kamera kommt 120er Rollfilm für das Mittelformat. Welche Typen genau sich eignen ergibt sich aus zwei einfachen Überlegungen:

Die einfachste Wahl ist sicher ein Farbnegativfilm. Wenn sie an einem hellen Tag draussen fotografieren empfiehlt sich ein Film mit Empfindlichkeit von ISO100, ansonsten ist ISO400 keine schlechte Wahl.

Für Schwarzweiss-Aufnahmen empfehlen sich chromogene S/W-Filme. Diese werden in der gleichen Chemie (Prozess C-41) entwickelt wie Farbnegativfilme, sie können diese also praktisch an jeder Ecke entwickeln lassen. Lassen sie Abzüge machen, so empfiehlt sich ein Film mit der orangen Maskierung, z.B. der Typ Kodak CN400. Machen sie die Abzüge selbst oder wollen sie die Abzüge scannen, so ist ein Typ mit klarem Negativ (ohne Maskierung) vorzuziehen, zum Beispiel ein Ilford XP2. All diese Filme haben den grossen Vorteil, dass sie weich arbeiten und deshalb gegenüber den zwangsläufig grossen Belichtungsfehlern recht tolerant reagieren. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gross die Ausbeute im Sinne von nutzbaren (d.h. mit mittlerem Geschick zu rettenden) Negativen ist. Entwickeln sie die Filme selbst (was ich durchaus empfehlen kann), so steht ihnen natürlich das ganze Filmsortiment zur Verfügung - für diesen Fall muss ich wohl auch keine Filmempfehlung abgeben. Sind sie experimentierfreudig, so wählen sie einen Diafilm. Die Ausbeute dürfte etwas geringer ausfallen, aber wenn das Licht passt wird das Resultat beneidenswert ausfallen - nur auf Diafilm wirken sich die Farbfehler der Optik unvermindert aus.

Versionen

Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Versionen der Holga entwickelt und bestehende zum Teil leicht verändert.

Das Grundmodel ist eine einfache Kamera ohne Blitz. Die aktuellen Modelle verfügen (offensichtlich oder scheinbar) über eine Bulbfunktion, bei welcher der Verschluss solange offen bleibt wie er betätigt wird. Dadurch werden Langzeitbelichtungen möglich. Auch scheint ein Stativanschluss dazugekommen zu sein.

Ein erweitertes Modell verfügt über einen einfachen Blitz. Dieses Modell ist meine eigentliche Brot-und-Butter-Holga nach dem Motto Nimm die Kamera mit, wo immer Du gehst. Der Blitz erweitert den Einsatz auf Innenräume und auf "Nachtaufnahmen". Von mir gibt es für dieses Modell eine Empfehlung.

Ebenfalls scheint es Holgas mit Glaslinse zu geben, zumeist werden diese dann Woca genannt. Ob sie so was wollen müssen sie wissen, ich bin dafür wohl zu puristisch. Ich finde, die Linse einer Holga sollte aus Plastik sein.

Und dann gibt es noch die Holga mit Farbblitz. Scheinbar wird die Holga-Szene beim Hersteller wahrgenommen. Was liegt da näher, als den Szenenbedarf künstlich anzukurbeln, z.B. mit neuen Features. So wird inzwischen eine Mehrwert-Holga mit drehbaren, vor dem Blitz eingebauten Farbfiltern gebaut (und auch angeboten). Nichts liegt mir näher als dieses Angebot zu ignorieren. Wer so was braucht hat das Wesentliche verpasst. Die Kreativität bei der Holga entsteht aus dem Mangel und der Fähigkeit des Fotografen, damit umzugehen. Die Holga ist gut wie sie ist, wer eine Holga fährt braucht keine Animation um sich zu bewegen.

Was macht man mit der Holga: Don't think, just shoot

Als Grundidee der Lomographischen Gesellschaft (durch welche die Kamera vertrieben wird) steht Don't think, just shoot. Das mag zwar locker klingen, ist in dieser stark reduzierten Form aber primär Geschwafel eines (nicht ehrenwerten) Marketing-Fuzzi für die Fun-Gesellschaft. Eine sanfte Abgrenzung scheint mir hier angebracht.

Die (ehrenwerte) Lomographische Gesellschaft hat 10 fotografische Regeln aufgestellt. Eine runde Anzahl, 10 ist immer ideal. Gehen wir deshalb davon aus, dass ein paar Regeln Füllstoff sind. Es ist an der Zeit, diese kurz näher zu betrachten und uns bei dieser Gelegenheit auch gleich zu fragen, was die Regeln spezifisch mit den vertriebenen Kameras zu tun haben.

Dies sind die propagierten 10 Regeln:

1. Nimm die Kamera mit, wo immer Du gehst!
2. Benutze sie tag und nachts!
3. Lomographie ist Teil deines Lebens!
4. Schiess aus der Hüfte!
5. Bring die gewünschten Objekte so nahe wie möglich an die Linse!
6. Denke nicht!
7. Sei schnell!
8. Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was Du auf den Film gebannt hast!
9. Erst recht nicht nachher!
10. Denke nicht über Regeln nach!

Da hätten wir erst mal eine Redundanz, Regel Denke nicht! macht Regel Denke nicht über Regeln nach! überflüssig. Kommt dazu, dass ich wenig von der Aufforderung nicht zu denken halte, streichen wir deshalb gleich beide Regeln, es wird kein Verlust sein.

Sei schnell!

Benutze sie tag und nachts!

Bring die gewünschten Objekte so nahe wie
möglich an die Linse!

Weiter stehen bei mir die Regeln Schiess aus der Hüfte!, Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was Du auf den Film gebannt hast! und Erst recht nicht nachher! im Verdacht, nichtsnutzig zu sein. Aus der Hüfte schiessen um nicht zu wissen was auf dem Film sein wird und sich nachträglich wundern? Kreativ sein um jeden Preis, operative Hektik um geistige Windstille zu vertuschen. Das Ziel sollten wohl aussergewöhnliche Bilder sein, aber es werden vor allem zufällige Bilder entstehen. Hier wurde ganz klar etwas verwechselt.

Der Zufall kommt bei der Regel Nimm die Kamera mit, wo immer du gehst! ins Spiel: Das Leben spielt sich in Zufällen ab, dankbare Sujets entstehen und vergehen vor den Augen des Fotografen. Es ist eine Einstellungsfrage, weshalb sollte der Fotograf seine Bilder inszenieren wenn er an diesem reich gedeckten Tisch Platz nehmen darf, vorausgesetzt die Kamera ist dabei, wo immer er geht?

Eines Tages werde ich ein Buch publizieren mit all den Fotos die ich nicht gemacht habe. Es wird ein grosser Erfolg werden.

René Burri, New York Times, 20 Mai 2004

Sei schnell! Nicht die Kamera muss schnell sein, der Fotograf soll es sein. Doch weshalb sollten wir schnell sein? Weil der Zufall oft nicht lange wartet. Der Fotograf soll wachen Sinnes durchs Leben wandeln, sehen was sich abspielt und dann seinen Entschluss zu fotografieren in nützlicher Zeit fassen. Mit der Holga Motive fotografieren, bei welchen die Regel Nimm dir Zeit, komm später wieder versagt.

Benutze sie tag und nachts!
Die Aufforderung Benutze sie bedarf keiner weiteren Erläuterung. Was auch sonst sollten wir mit der Kamera machen. In die Vitrine stellen und bewundern? Dazu ist sie viel zu hässlich. Den Zusatz tag und nachts versteh ich als Aufforderung, bei der Holga-Modellwahl sich für ein Blitzmodell zu entscheiden. Bei dieser Regel handelt es sich also primär um Kaufberatung - und die Beratung ist so schlecht nicht.

Bring die gewünschten Objekte so nahe wie möglich an die Linse! Ich nehme am, dass dies eine weitere Verselbständigung des Zitats von Robert Capa ist:

Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.

Weshalb hat die Holga eine Einrichtung zum Scharfstellen, wenn wir immer ganz nahe sein sollen? Ausserdem: Die Nahgrenze der Holga liegt bei ungefähr einem Meter. Unschärfe in Ehren, aber noch näher gehen ist mit gewissen Nachteilen verknüpft, die sie eventuell gar nicht in Kauf nehmen möchten. Was ist also dran an dieser Regel? Sicher sollen wir diese Aussage sinnbildlich verstehen, als eine Allegorie: Fotografieren sie was ihnen nahe geht, seinen sie kein Paparazzo, fotografieren sie ihr eigenes Leben. Dann werden sie indirekt sogar ein Teil der Szene, näher können sie nicht sein.

Eine letzte Regel bleibt noch: Lomographie ist Teil deines Lebens! Ersetzen wir Lomographie durch Fotografie und wir sind da angelangt, wo wir bereits zum Schluss der letzten Regel waren. Wahrscheinlich wollte die Lomographische Gesellschaft einfach sicher gehen, dass ihre Message auch ankommt.

Was also macht man mit der Holga? Fotografieren, ganz normal, als wäre es keine Toykamera. Das nenn ich doch schon mal eine Erkenntnis, und das Ganze wurde ihnen von der Lomographischen Gesellschaft in nur 10 kleinen Regeln erklärt! Dies ist auch die Antwort auf den zweiten Teil der Frage die wir uns gestellt haben? Braucht es dazu eine Holga oder eine Lomo? Nein, tut es nicht. Aber schaden tut's auch nicht, den längst haben wir Form durch Inhalt ersetzt. Es freut mich, dass die Lomographische Gesellschaft in diesen Aspekten mit mir einig geht.

Also: Ein Motiv haben/sehen, in Gedanken eine Bildidee, fühlen dass die Holga das richtige Tool ist um die Idee umzusetzen, aufnehmen, selektieren, abziehen als Papierabzug, rahmen, aufhängen. So einfach ist das! Um mich klar und unmissverständlich auszudrücken, in diesem "How to" sind zwei Aspekte enthalten: Die Holga ist ein Werkzeug und ziehen sie die Sache durch.

Lernen sie die Holga erst kennen. Dies erfordert einerseits Neugier und Offenheit für neues, andererseits ist es auch klar von Vorteil, in der Fotografie einigermassen sattelfest zu sein. Ich sehe in der Holga keinesfalls ein ideales Gerät um in die Fotografie einzusteigen. Kennen lernen bedeutet insbesondere auch, dem gütigen Schicksal die Chance zu geben, sich positiv für sie auszuwirken. Sie sollten also zwischendurch etwas probieren, einen Parameter wechseln um zu sehen, was geschieht, sie wollen kaum alles dem Zufall überlassen. Dadurch werden sie erkennen, was sie mit der Holga können und wie sie einzusetzen ist. Es geht keinesfalls darum, andere Fotografie ungültig zu erklären oder bisherige Entwicklungen als Irrläufer abzutun. Das Ganze ist aufbauend. Wenn Fotografie die Partitur ist, so wird die Holga darauf eine zusätzlich mögliche Stimme sein. Ihr fotografischer "Ausdrucksbereich" wird sich damit erweitern.

In Biel gibt es den Gaskessel (Chessu). Ein Motiv, um das ich mich schon lange herumgeschlichen hatte. Viele Bilder sind dabei angefallen, doch das Gefühl des "Fotografischen Erfolges" wollte sich partout nicht einstellen. Der Gaskessel ist etwas besonderes. Einerseits ein autonomes Jugendzentrum und Konzertlokal, andererseits vielen ein Dorn im Auge. Von der Politik als Raum der Anarchie beargwöhnt, aber auch ein anerkanntes soziales Regulativ. Jeder sieh im Gaskessel etwas anderes und alle gehen sie dabei irgendwelchen Kompromiss ein. Wie nimmt man dieses Motiv auf, wie bringt man das pragmatische, unperfekte, gelebte und die Spannung der Institution ins Bild?

Der Jaguar auf dem Vordach des Gaskessels

2003 hatte ich zum ersten mal eine Holga in der Hand, leihweise. Ein gütiges Schicksal lenkte meine Schritte zum Gaswerkareal und dort nahm ich ein paar Bilder auf.

Zurück blieb ein grosses Erstaunen über das Vorgefallene. Zum ersten mal hatte sich für mich bei diesem Motiv etwas zusammengefunden was zusammengehört: Form und Inhalt. Das waren die Bilder die ich gesucht hatte. Ich musste meinen fotografischen Standpunkt überdenken.

Ein Standpunkt ist ein geistiger Horizont mit Radius Null.

Darauf bin ich angesprochen worden: Könnte dies alles nicht auch mit elektronischer Bildbearbeitung gemacht werden, eine hochqualitative Aufnahme entsprechend nachgearbeitet. Die Vorteile wären mancherlei - nicht zuletzt hätte man als Alternative auch noch ein State of the Art-Bild?

Doch selbstverständlich, kann man, weshalb auch nicht.

Apropos: Ich hab gelesen, man kann heute Erdbeeraroma künstlich herstellen. Das scheint mir erfreulich, die Vorteile sind bestimmt mancherlei. Und sicher haben sie auch schon über virtuellen Sex nachgedacht...

Was bedeutet durchziehen?

Durchziehen bedeutet fertig machen. Aber das kennen sie ja, wenn sie ein Produkt herstellen, so arbeiten sie daran bis sie damit zufrieden sind, vorher geben sie nicht auf.

...

Ha, sie sind reingefallen! Nur Microsoft arbeite so wie oben beschrieben. Wenn sie mit der Holga fotografieren kommen sie damit nicht durch. Sie sollen daran arbeiten, bis ihr Kunde, das ist der Betrachter ihrer Bilder, sie versteht. Natürlich können sie die Bilder auch nur für sich selbst machen, dann wird einiges deutlich einfacher. Um verstanden zu werden, brauchen sie ein Konzept. Wenn sie dieses Wort nicht mögen: sie brauchen eine klare Linie, daran richten sie sich aus. Mit dem Konzept stellen sie die dem Konzept verpflichtete Fotografie in einen definierten Raum und grenzen sie gleichzeitig gegenüber anderer Fotografie ab. Sie wird übersichtlich. So entsteht auch für den Betrachter die Möglichkeit zu erkennen, welche Idee sie damit (mit dieser Fotografie) verbinden.

Das Konzept beinhaltet drei Teile: Inhalt, Form und Präsentation, oder auch Aussage, Gestaltung und Technik, wenn sie dies lieber hören.

Zum Inhalt: Eine scharfe Selektion ist gerade dort notwendig wo es die Bilder nicht sind. Eine erste Selektion findet bereits vor der Aufnahme statt: Abgrenzen bedeutet nicht nur zu entscheiden, die Holga für ein Motiv einzusetzen, sondern auch klar zu bestimmen, was sie damit auslassen. Andere Themen bedürfen eine andere fotografische Sprache. Machen sie aus ihrer Fotografie kein Knudelmuddel. Wie soll der Betrachter ansonsten erkennen worum es ihnen geht wenn sie dies selbst nicht wissen? Schlimmer noch: Er könnte es als das erkennen was es ist! Verfallen sie nicht dem Kreativen-Klischee, gedankenlos zu akzeptieren was auch immer kommen mag. Nicht jedes Bild ist per se gut nur weil es mit der Holga entstand.

Auf die Gestaltung werde ich noch kommen.

Zur Präsentation: Mehr vom Guten ist nicht immer besser! Auch wenn die reduzierte Abbildungsqualität der Holga am Wesen der Sache massgeblich Teil hat, so bedeutet dies keinesfalls, dass irgendwas schludrig sein soll. Denn: Was ist ein schlechter Abzug eines schlechten Negatives? Was auch immer, aber ganz sicher nichts Gutes. Bei Aufnahmen mit der Holga haben sie immer Erklärungsbedarf. Auch wenn sich das trivial anhört: Gute Argumente sind perfekte Abzüge in gelungener Präsentation. Die Interpretation don't think, just shoot ist damit schon mal vom Tisch. Für die Ausarbeitung habe ich mir deshalb eine einfache Auflage gemacht: Die Holgabilder werden einheitlich abgezogen.

...und aufgehängt!

Und manchmal halte ich mich auch nicht dran. Dann werden die Negative eingescannt und etwas grosszügiger als nur 30x30cm² ausgedruckt. Ausdrucken tut sie dann mein Fotohändler. Das ist perfekte Arbeitsteilung, ich hab den billigen Scanner und er den teuren Rollenplotter. Ich mach den gestalterischen Part und er hat den Ärger mit den Tinten, Druckstreifen und Papier.

Gestaltung

An sich gilt alles zum Thema Bildgestaltung auch für Aufnahmen mit der Holga. Ein paar spezifische Anmerkungen möchte ich trotzdem loswerden.

Vorerst wäre das quadratisches Bildformat zu erwähnen. Sicher, die 6x4,5cm Filmmaske gibt es auch noch, aber mit der Kombination von Hochformat und Holga werden sie meines Erachtens nach nicht wirklich erfolgreich sein. Einerseits reicht die Bildqualität nicht aus um als genügend durchzugehen, andererseits fehlen die wirklich schlechten Bildecken um die reduzierte Abbildungsqualität als bewusst wahrzunehmen.

Ihr Bildformat wird also quadratisch sein.

Auch Ausschnitte lassen sich nur geringfügig und wenn dann allseitig symmetrisch machen, aus den gleichen oben genannten Gründen und auch solange man die Vignettierung (Randabdunklung) als wesentliches Merkmal der Abbildung betrachtet.

Ein Wort zur Motivwahl: Mit der Abbildung feiner Strukturen geht die Holga sehr grosszügig um. Sollten diese für ihr Motiv wesentlich sein, dann verwenden sie lieber eine andere Kamera. Das Interesse an ihrem Motiv sollte in den grossen Zusammenhängen, in der Konstellation oder der allgemeinen Grafik liegen. Holgabilder brauchen klare fotografische Strukturen.

Und dann ist da noch was: Wenn der in gestalterischen Vergleichen allseits beliebte Onkel die Tante vor dem Ayers Rock ablichtet, so wird ihr Gesicht genau in der Mitte des Bildes zu liegen kommen, im Hintergrund droht der grosse rote Felsen auf schrägem Terrain abzurutschen und ein knapp ins Bild ragender überquellender Mülleimer wird der sphärischen Dimension des Bildes eine äusserst irdische Note beisteuern.

Klar, bei dieser Beschreibung ist alles krass übertrieben, nie würde so etwas wirklich geschehen und so wollen wir es auch nicht machen.

Worauf ich hinaus will: Was wollen sie zeigen mit ihren Holgabildern, alles schön adrett und sauber gestylt oder einfach so wie es eben ist? Und wie zeigen sie dies in ihrem Bild, völlig perfekt overdesignt oder trashmässig?

Es gibt eine Art der Gestaltung, welche ich hier und in diesem Zusammenhang als "natürlich" bezeichnen möchte. Sie liegt irgendwo auf halbem Weg zwischen den Extremen.

Ein Gestaltungsteil, den ich mir vom Knipseronkel für die Holgafotografie entlehne ist die Gestaltung in die Mitte (zumindest deutlich mittiger als ich ansonsten gestalte). Vieles spricht dafür: Das quadratische Bildformat betont die Mitte stark. Durch die Vignettierung wird dies unterstützt, einerseits weil sie praktisch einen Kreis innerhalb des Bildes formt und dadurch selbst zu einer mittenzentrierten Figur wird, andererseits auch weil sie durch die Abdunklung der Bildecken deren nach aussen gerichtete Wirkung reduziert. Im Bezug auf den Inhalt bedeutet die Mitte grössere Direktheit. Und zuletzt wollen wir auch nicht vergessen: Nur das Zentrum der Abbildung ist (einigermassen) scharf.

Womit ich mich noch schwer tue sind schräge Horizonte.

Jetzt noch zur Bedeutung des überquellenden Mülleimers:

Das Holgabild verträgt ein Element, das die Harmonie leicht stört. Normalerweise wird der Zufall dies für sie richten und sie brauchen das Ergebnis nur noch zu akzeptieren. Doch kann es auch sein, dass der Zufall seine Mithilfe verweigert, dann dürfen sie gerne ein wenig nachhelfen, niemand wird sie deshalb der mutwilligen Bildmanipulation verdächtigen.

Weiterführendes

Sie haben bis hier durchgehalten?
Alle Achtung!
Vielen Dank *knicks*.

(Ich hoffe, sie nehmen das alles nicht zu ernst...)

Aber wenn sie schon mal da sind, vielleicht möchten sie ja noch ein paar Zusatzinfos, wer weiss?

Replik von Michael Albat

Wir avancieren in retrograder Richtung.

Ein Feldmarschall

Nachdem mir der schöne Artikel gewidmet wurde, möchte ich auch darauf antworten. Wenigstens möchte ich sagen, was ich gegen die Holga habe. Zeitverschwendung – wenn es nur das wäre. Es erschliesst sich mir nämlich nicht, weshalb für einige Fotografen von dieser Kamera eine eigenartige Faszination ausgeht. Genauer gesagt, habe ich da so einige Vermutungen, die aber nicht sonderlich schmeichelhaft für diese Fotografen ist. Ich vermute nämlich, dass die Faszination für die Holga mit dem irrigen Gedanken zusammenhängt, da ein urwüchsiges Gerät in die Hand zu bekommen – Back to the roots also, spartanisch - praktisch - gut. Für mich aber handelt es sich, ganz klar, um eine Flucht in die Technik, hier allerdings in umgekehrter Richtung. Denn hier dient die Technik nicht, sie herrscht.

In Deutschland herrscht Ordnung. Es wäre besser, wenn sie dienen würde.

Ein Satiriker

Das beginnt mit der Wahl der Motive – sie müssen mittig ins Quadrat passen – und hört mit der Perspektive noch lange nicht auf. Kein Benutzer einer beliebigen Billigklassekamera ist so gehandikapt, so abhängig von der verwendeten Technik: Dort werden Freiheiten eröffnet, hier werden sie geschlossen.

Den einzigen Sinn, den ich sehe, ist die Illustration der beiden Sätze von Feininger:

Man gebe einem guten Fotografen eine billige Kamera, und er wird Ihnen Arbeiten bringen, die sie in Staunen versetzen.

Andreas Feininger, S.438

Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmässig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.

Andreas Feininger

Ein guter Fotograf liefert eben trotz Holga staunenswerte Ergebnisse ab. Er tut dies, indem er die einen so genannten "optischen Fehler" zu einer "fotografischen Eigenschaft" macht – und sie produktiv nutzt. Um einen Teil fürs Ganze herauszugreifen: Vignettierung wird normalerweise als unerwünscht betrachtet, es spricht jedoch nichts gegen think positive:

Oh, I'm bein' followed by a moonshadow, moonshadow, moonshadow
Leapin and hoppin' on a moonshadow, moonshadow, moonshadow

And if I ever lose my hands, lose my plough, lose my land,
Oh if I ever lose my hands, Oh if.... I won't have to work no more.
And if I ever lose my eyes, if my colours all run dry,
Yes if I ever lose my eyes, Oh if.... I won't have to cry no more.

And if I ever lose my legs, I won't moan, and I won't beg,
Yes if I ever lose my legs, Oh if.... I won't have to walk no more.
And if I ever lose my mouth, all my teeth, north and south,
Yes if I ever lose my mouth, Oh if.... I won't have to talk...

Did it take long to find me? I asked the faithful light.
Did it take long to find me? And are you gonna stay the night?

Cat Stevens, Moonshadow

If I ever loose my legs und so weiter. Ein optischer Fehler ist nur ein technischer Fehler, und eben kein fotografischer Fehler: kein technischer Fehler ist in der Lage, ein ansonsten gutes Foto zu ruinieren.

Die Frage aber bleibt: Was wäre dann erst bei Verwendung einer brauchbaren Ausrüstung gelungen? Oder, um es unmissverständlich zu sagen: Jaja, ein toller Fotograf hat viele Kunst-Stückchen drauf.

Die in den 10 Punkten der Lomographischen Gesellschaft zu Tage tretende Ansichten finde ich abstossend, wenn auch für unser neoliberales Zeitalter bezeichnend. Derart dumm-dreist liest man die Aufforderung zum Verharren in der selbstverschuldeten Unmündigkeit allerdings selten.

Wer singt, denkt nicht, und wer nicht denkt, ist ein angenehmer Untergebener.

Militärweisheit

Tatsächlich frage ich mich, ob das Ergebnis solcher Tätigkeit überhaupt noch Fotografie – verstanden als das Schreiben mit Licht – ist. Denn: Schreiben ist das Ergebnis eines Denkprozesses; das Malen von Kringeln oder abstrakten Mustern hingegen nicht. Denn was da wirklich propagiert wird, ist der Verzicht des Fotografen darauf, ein Subjekt zu sein, der Verzicht auf eigenständiges, aktives Handeln. Es ist nun mal sicher, dass diese Leute kein Interesse aufbringen für das, was sie da schnell so abschiessen. Es ist ja nicht wichtig, und zu einer Beschäftigung mit der Sache fehlt sie ja, die Zeit. Muss ja schnell gehen, warum eigentlich? Es ist eben nicht wichtig. Nichts ist wichtig. Die Lomographische Gesellschaft ist auch nicht wichtig.