Die Überwachungsgesellschaft, in welche wir abdriften

Der Hintergrund.

In diesem Zusammenhang hatte ich wieder mal eine jener unfruchtbaren Diskussionen, welche mich jeweils ziemlich ratlos zurücklassen. Wir werden alle überwacht, nichts ändert sich und vielen ist dies egal. Deshalb eine kleine Wegleitung in Stichworten:

Ist uns wirklich bewusst, was alles überwacht wird?

  • Nein.

Welche Daten werden gesammelt?

  • Krankendaten, Kommunikationsdaten, Verkehrsdaten, Einkaufsverhalten, Zahlungsverkehr, Lesegewohnheiten (EBooks und Bibliothek), Fernsehkonsum, Wunschlisten in Amazon, Vereinszugehörigkeiten, Bordellbesuche, Parteizugehörigkeit, politische Gesinnung, religiöse Zugehörigkeit, Ausbildung, Webaccounts, Twitter, Facebook, …

Weshalb ist die Überwachung gefährlich?

  • Wenn Daten anfallen werden sie gesammelt – einfach weil man es kann.
  • Wenn an verschiedenen Orten Daten anfallen können diese Zusammengeführt werden.
  • Wenn Daten gesammelt zur Verfügung stehen werden sie untersucht.
  • Werden genügend Daten zusammengeführt und untersucht lassen sich Muster erkennen.
  • Wenn Muster erkannt werden wird daraus ein Schluss gezogen.
  • Ist der Schluss erst gezogen erhält er den Status einer Wahrheit.
  • Kennt man die Wahrheit hat dies Konsequenzen.
  • Die Daten sind unvollständig, können irreführend oder falsch sein -> Daher wird die Konsequenz auch falsch sein.
  • Sie können die Daten nicht korrigieren.
  • Die betroffene Person ist im Nachteil gegenüber dem Datensammler weil sie ihre eigenen Spuren nicht gleicher massen zurückverfolgen kann und die eigenen Daten ihr daher unbekannt sind.
  • Die einzelnen Aspekte führen nicht über logische Schlüsse linear zu einem Befund, sondern haben nur via Gewichtung Einfluss. Das Resultat ist daher nicht auf einzelne Punkte zurückzuführen.
  • Unbekannt ist die Ursache auch für den Datensammler, weil nichts konkretes vorliegt, sondern bei der Auswertung einfach genügend Daten zu genügend Punkten geführt haben. Sie sind einfach verdächtig aufgrund der Gesamtheit der Daten, nicht aufgrund eines Ereignisses.
  • Unbekannt bedeutet nicht geheim. Ein Geheimnis kann man aufdecken, unbekanntes nicht.
  • Diese Umstände lassen gesunden Menschenverstand nicht zu.
  • Beim Typus „Türsteher“ handelt es sich nicht um eine intellektuelle Kapazität, Zusammenhänge zu erläutern ist sinnfrei.
  • Daten lassen sich missbrauchen. Passt jemandem meine Nase nicht lässt sich aus genügend Daten immer etwas konstruieren.
  • Auf die Daten haben zu viele Personen Zugriff. Jeder Zollbeamte kann heutzutage jede Menge Datenbanken danach abfragen, ob ihr Name darin vorkommt. Jedoch erfährt er nicht, ob sie als Zeuge, Helfer, Täter oder Opfer aufgeführt sind.
  • Wenn sie gar einen Allerweltsnamen haben können sie selbst dann mit einem Positivtreffer rechnen wenn sie persönlich nicht aufgeführt sind.

Weshalb wird überwacht?

  • Das wissen wir noch nicht konkret, aber wir werden es erfahren wenn die Auswertungen Folgen haben.
  • Folgen wird es haben, wenn wir zum Feind werden.
  • Zum Feind wird man schneller als einem lieb ist. Es ist heutzutage nicht unüblich, jeglichen auch legitimen Widerstand gleich zum Terror zu erklären.
  • Die Datenschnüffelei wird also dazu führen, dass sich die Leute nicht mehr mit ihrem Staat identifizieren und diesen als etwas Fremdes wahrnehmen. Ach ja, einer hat schon kräftig darunter gelitten – Obama wird inzwischen schlimmer als Bush wahrgenommen.

Aber die Kinderschänder…

  • Genau, der immer wieder bemühte Milliardenmarkt.
  • Hier noch eine weitere Quelle: 250’000 Deutsche geben 20 Milliarden Euro für Kinderpornografie aus. 80’000 Euro pro Kopf im Durchschnitt. Eine weitere Angabe wie man zu diesen Zahlen kommt erscheint unnötig. Denkt mal nach …
  • Das Argument wird immer dann bemüht, wenn man eine Diskussion mangels belastbarer Argumente abwürgen will, weil gegen die Bekämpfung der Kinderpornografie kann man ja nicht sein.

Wie lässt sich das Ganze erklären?

Hat das Ganze auch eine gute Seite?

  • Überwachen können nicht nur die Überwachungsbehörden, sondern auch wir.
  • Gezielt überwacht wird was als lohnenswert erscheint, und da kommen die Hirten Politiker noch vor den Schafen Bürgern.
  • Die Sache kann sich also auch gegen die Verursacher wenden.

Gruss
Andreas

Werbung, SEO, Hilferufe und Kooperation

Werbung:
Bis vor kurzem war am unteren Rand meiner Webseite ein kleiner unauffälliger Werbelink. Zuletzt ging er zu einem Musikladen, davor warb er für Reisen. Für mich ging das in Ordnung – vor allem auch weil ich im Gegenzug eine einigermassen aufbereitete Seitenstatistik erhielt. Unter anderem sah ich, über welche Links ich meine Leser erhielt. Vor allem laufende Diskussionen in Foren zeigten mir, welche Themen gefragt waren und wo ich mich missverständlich ausdrückte. Indem ich derart meine Seite optimieren konnte ging auch wieder etwas zurück an die Leser. Hinter dem Link hatte sich jedoch etwas verändert, plötzlich fand ich Cookies von Tradedoubler, welche auf meinen kleinen Werbelink zurückzuführen waren. Der war nämlich in Wirklichkeit ein kleines Skript. Well – den Link gibt es nicht mehr und ich verzichte auf die aufbereitete Statistik.

Suchmaschinenoptimierung (SEO):
Ganz verzichten tu ich natürlich nicht. Ich wandte mich meinem Serverlog zu, ein kleines Script extrahiert für mich die Referrer. Dadurch wurde ich jedoch auf etwas anderes aufmerksam, was zuvor wohl ausgefiltert wurde. Fast die Hälfte der Referrer sind Spam. Sie kommen von Webseiten mit den Url *.ru, *.su, *.in, *.kz, *.ua und *.tv. Deren Inhalte sind entweder P*rn oder Webshops für gefälschte Markenartikel. Was das Ganze soll ist mir nicht ganz klar, die schiere Menge deutet jedoch darauf hin, dass es dafür einen Zweck geben muss und vermutlich ist dieser nicht die Einladung des Webadmins dort zu shopen. Ich gehe davon aus, dass es sich um eine komische Art von Suchmaschinenoptimierung handelt. Gehen die davon aus, dass der Googlebot sich das Serverlog angelt? Ich meinerseits gehe nicht davon aus, vielleicht die NSA, wer weiss, also noch mehr unnütze Daten auf deren Server. Mögen sie damit den War on Terror gewinnen.

Hilferufe:
In meinem Gästebuch fand ich einen Hilferuf: Eine verzweifelte und reife Dame ohne finanzielle Interessen suchte via Bannerwerbung jemanden, der ihr auf einem nahegelegenen Parkplatz helfen würde. Ich habe da meine Zweifel und denke, sie könnte von meinem Gästebuch eventuell enttäuscht sein, das wäre auch ganz hinterhältig von mir, zuerst eine Plattform schaffen und dann nicht halten was man versprochen hat. Das möchte ich nicht, daher wird das Gästebuch jetzt nicht mehr extern gehostet. Die letzten 10 Einträge habe ich händisch hinübergetragen, die restlichen sind leider futsch, aber was macht man nicht alles für ein gutes Gewissen.

Kooperation zum ersten:
Generell wird meine Webseite geschätzt und man will mir helfen. So wird zum Beispiel valuable Premiumcontent von Primeplayers angeboten, damit könnte ich Networken und die Visibility meines Businesses optimieren. Im Gegenzug dürfte ich meinen Content in den Partnersites ihres Portfolios unterbringen.
Danke, sehr nett, geht aber leider nicht, ich hab keinen Premiumcontent anzubieten, hier dreht sich alles nur um Fotografie. Ausserdem habe ich kurz im Serverlog nachgeschaut: Die Website ist schon visible.

Kooperation zum zweiten:
Dann erfolgt die Hilfe halt andersrum: Ich könnte einen positiven Artikel zu einer Fototasche veröffentlichen, Text und Bilder würden geliefert, dass einzige was ich selbst haben müsste wäre ein Name um ihn unter den Artikel zu setzen. Als Gegenleistung wäre die Tasche für mich dann zu einem Vorzugspreis zu haben.
Danke, auch das ist ganz nett, allerdings scheint sich das Problem soeben gelöst zu haben. Per Email habe ich von einem vorzüglichen Banker aus China erfahren, dass mein vor Jahren verschollener Onkel, den ich nicht kannte, in China ein Vermögen gemacht und vor der Regierung versteckt hat. Jetzt ist er entweder gestorben oder erneut verschollen, auf jeden Fall will der Banker das Geld mit mir teilen. Ich werde also in Kürze reich sein und bedarf des Angebots für die vergünstigte Tasche daher nicht mehr.

Ich hoffe, ich hab jetzt das Internet nicht noch ganz kaputt gemacht.

Gruss
Andreas

Urheberrecht und Copyright, Teil IV

Vorlauf: Teil 3

Das zweite Mail war der Entschlussfassung offenbar dienlich – Der Web-Kopierer kommt zum Schluss, dass ignorieren eventuell nicht ideal wäre, meinerseits hatte ich nochmals angedeutet, dass ich an eine Lösung interessiert wäre, welche die Kirche im Dorf stehen lässt. Tatsächlich erhalte ich jetzt eine Antwort, inzwischen ging eine Woche ins Land, die Antwort ist also wohlüberlegt – sauber ausformuliert nehme ich an.
Ich lese: Weiterlesen

Urheberrecht und Copyright, Teil III

Link: Teil 2

Der Kopierfritze ist also angeschrieben und die Sache nimmt ihren Verlauf, warten ist jetzt angesagt, warten auf eine Antwort oder dass ansonsten etwas geschieht. Vorerst tut sich nichts.

Ich versetze mich in seine Person hinein. Er wird zuerst vielleicht überrascht sein, eventuell kurz auch verärgert, aber er muss jetzt seinerseits überlegen wie er vorgeht. Alles abstreiten, die Seite löschen, das Anschreiben ignorieren? Der Möglichkeiten sind viele. Er wird sicher auch eine Einschätzung meiner Person vornehmen. Geben wir ihm also etwas Zeit.

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Urheberrecht und Copyright, Teil II

Link: Teil 1.

Den Raubkopierer ansprechen, hier wäre die Diskussion noch konkret anzusetzen, zu diesem Schluss bin ich am Ende des letzten Artikel gekommen. Es ist jetzt auch sinnvoll, vom abstrakten Beispiel zum konkreten Fall überzugehen, Namen sind meiner Meinung nach nicht zu nennen.

Bevor wir Ansprechen sind ein paar Überlegungen sinnvoll.

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Urheberrecht und Copyright, Teil I

Ein paar selektierte Gedanken zum Thema Urheberrecht und Copyright.

Ein wichtiges Stichwort zum Thema ist der Raubkopierer. Auf den ersten Blick mag dieser Begriff etwas tendenziös erscheinen. Sieht man sich im Web nach diesem Begriff um erkennt man, dass er oft im Umfeld von anderen Begriffen wie zum Beispiel Kinderschänder oder Terroristen steht. Erst jetzt vermag man den wahren Geist des Begriffs zu erkennen, Raubkopierer scheint in der Tat also eine eher noch verharmlosende Bezeichnung für das Übel zu sein, der geeignetere Begriff ist ganz klar Raubmordkopierer. Jetzt ist auch klar, darauf kann es nur eine Antwort geben: Rübe ab.
Sollte an dieser Argumentation Zweifel bestehen so kann ich beruhigen, die Kulturindustrie beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema, da sind Juristen am Werk und die sehen das auch so, die Sache hat also bestimmt ihre Richtigkeit. Weiterlesen

It will mean great exposure for you

Vor ein paar Tagen war ich auf dpreview auf den Artikel Classic lines when clients want you to work for free gestossen – welcher sich wiederum auf folgenden Blogeintrag bezog: Clients to run away from: Know from their pick-up lines!

Beim Inhalt der Artikel handelt es sich im wesentlichen um die Argumentation, mit welcher man sie zu Gratis-Kreativ-Arbeit bewegen will, zusammengefasst:

  • It will mean great exposure for you.
  • If you don’t want to do it for free, I know other photographers who will.
  • We could just find a stock photo if you’re not interested.
  • My cousin has a DSLR and I think I can get him to do it, if you don’t want to.
  • If all goes well, it could lead to paid opportunities with our company.

Ich hab dann jeweils auch die Kommentare unter den Artikeln gelesen – die Meinung ist einstimmig: Geht gar nicht! Weitgehend stimme ich auch überein mit dem was dazu geschrieben wurde, es sind natürlich auch alles Profis, welche dort kommentieren. Im Hintergrund nagt aber das Gefühl, die Diskussion sei einseitig und vor allem etwas gar schwarz-weiss.

Ich gestehe, ich hab auch schon gratis gearbeitet. Für Freunde habe ich Hochzeiten fotografiert, das war jeweils mein Hochzeitsgeschenk – Film und Abzüge erhielt ich jeweils bezahlt. Hier habe ich ganz klar einem Profi den Job weggenommen. Der Kunde hat seinen Vorteil bezahlt mit der Unsicherheit bezüglich dem Resultat. Hat der Profi hier Anspruch auf eine professionelle Arbeit durch ihn?
Andererseits habe ich das Fotografieren einer Hochzeit auch schon einmal abgelehnt. Zum Grund für diese eine Ablehnung werde ich noch kommen.

Eine andere Frage lautet: Wer fragt nach der Gratisdienstleistung? Gegebenenfalls, sie arbeiten in einem Büro, sind aber nebenbei ein talentierter Hobbyfotograf mit grosszügig bemessener bis übergewichtiger Ausrüstung. Jetzt kommt ihr Arbeitgeber auf sie zu und möchte Bilder für eine Firmendokumentation. Es scheint naheliegend, dass sie diese machen, die Arbeitszeit ist ja durch den Lohn bezahlt. Da sie im Geschäft Photoshop nicht zur Verfügung haben und der Bildschirm unkalibriert ist (und vermutlich nicht mal kalibrierfähig wäre) werden sie die Bearbeitung zu Hause machen. Und für die Amortisation ihrer Ausrüstung kriegen sie auch nichts, Den A3+ Fotodrucker und dessen Verbrauchsmaterial stellen sie auch gleich noch zur Verfügung. Das Beste was ich diesbezüglich schon gehört hatte war, dass dies alles ja mit dem Geld bezahlt wurde, welches ich bei ihnen verdient hätte.
Hier kommt es meiner Meinung nach darauf an, wie die Grosszügigkeits-Verhältnisse im Geschäft stehen. Gibt es etwas, wofür man sich bedanken kann – oder waren die letzten Qualifikationsgespräche regelmäßig damit zu Ende gegangen, dass man sie lobt für mitbenutzte berufsfremde Skills, aber für Ausbildung oder sinnvolle Kurse besteht leider auch nach 15 Jahren noch kein Budget?

Verwandt mit diesen Fragen nach unbezahlter Leistung sind Ausstellungen: In Restaurants und Spitälern gibt es oft Wechselausstellungen, Bildern von lokalen Künstlern, abwechselnd mit Bildern des jeweiligen Fotoklubs. Hier hängt also nicht die Kunst der Profis und für ihn gibt es entsprechend hier auch nichts zu verdienen. Für den Amateur kann es aber durchaus befriedigend sein, ausstellen zu dürfen. Eigentlich ist dies sogar ein Glücksfall, weil man dann seine Bilder mal aus dem Harddisk befreien und ihnen eine würdigen Rahmen geben muss.

Der Profifotograf hat also viele Bereiche an den Amateur verloren, er macht nicht mehr die Familienreportagen und er ist auch nicht mehr der Berufskünstler, welcher den Raumschmuck herstellt. Passfotos sind kein Geschäftsfeld mehr und Handykameras sind bei Unfällen schneller vor Ort als der lokale Pressefotograf. Wir leben zwar in einer Bilderflut – diese Flut benötigt jedoch keine entsprechende Profifotografenflut. Meines Erachtens ist der Bedarf an qualifizierter Fotografenarbeit jedoch konstant geblieben oder hat sogar zugenommen – nur anteilmässig hat deren Anteil abgenommen.

Die Argumentationen aber, mit welchen man uns Gratisarbeit abschnorren will, bleiben davon ungeachtet gleichermassen unakzeptabel wie sie uns zu Beginn schon erschienen, aber das Feld ist doch etwas weiter.

Was jetzt noch fehlt ist das Hauptargument für die Ablehnung: Es bezieht sich auf das Lockangebote It will mean great exposure for you. Sie haben über lange Jahre an ihren fotografischen Fähigkeiten gearbeitet, haben ihr Equipment in mehreren Itterationsschritten optimiert (und für diesen Wissenszuwachs auch entsprechend bezahlt), zuhause einen Arbeitsplatz eingerichtet und die Bildbearbeitung perfektioniert, jetzt liefern sie die Bilder gratis. Was denken sie, wer wird die restliche Grafik, das Layout, das Webdesign machen wenn für Bilder kein Budget besteht? Vermutlich wird dies das Schulprojekt der Tochter des Abteilungsleiters sein und sie wird bei dieser Gelegenheit auch ihre Bilder nochmals überarbeiten. Am Schluss landen ihre Bilder also auf dieser Webseite, jedermann kann es sehen und sie wünschen sich, dass ihr Name nicht daruntersteht.
Dies ist auch der Grund, weshalb ich ein Hochzeitshooting abgelehnt hatte. Man wollte es mir einfach machen und hatte die Idee, ich würde einfach fotografieren und anschliessend die Speicherkarte abgeben – den Rest würden sie dann übernehmen.

Hier greift einer meiner Lieblingssätze:

Was unterscheidet einen guten Fotografen von einem schlechten Fotografen?
Der gute Fotograf zeigt nie seine schlechten Bilder.

Gruss
Andreas

Grundtypen fotografischen Übels

Dinge die als Amateur getan werden bedürfen meiner Ansicht nach keiner rationalen Begründung. Gelegentlich fotografiere ich ein unscheinbares Motiv auch nur um des Fotografieren Willen, um für mich zu sehen was ich daraus machen kann. Ich mache also nicht die ganze Zeit nur Bilder, gelegentlich probiere ich einfach etwas aus – so geschrieben mag dies ganz normal erscheinen.

Personen, deren Reflektionsvermögen bezüglich Fotografie zwischen den beiden ihnen bekannten Kategorien gestellte Familienbilder und durch Gebrauch schmuddelig gewordene Pornobildchen pendelt, stellen in solchen Momenten Fragen. An sich könnte ich darüber hinwegsehen wäre da nicht der Umstand, dass das Auftauchen dieser Personen zumeist auch das Ende des unbelasteten Fotografieren und Ausprobieren bedeutet.

Es gibt zwei mögliche Verläufe des sich abwickelnden Gesprächs.

Der erste Verlauf basiert zwar auf Unverständnis, aber immerhin Interesse: Oft habe ich einen Satz Postkarten eigener Bilder dabei, kann ihnen diese zeigen und das Gespräch wendet sich zum Guten – was bedeutet, dass ich mir jetzt die Lebensgeschichte des Gegenüber anhören darf. Meist erfahre ich dabei, dass sie auch mal eine Kamera besessen hätten, nicht selten eine Leica, und irgendwann hatte sie ihre Frau verlassen. Bösartigerweise denk ich mir dann jeweils, dass da ein Zusammenhang besteht, entweder waren sie so miserable Fotografen dass ihre Frau mit ihnen nichts mehr zu tun haben wollte oder sie missbrauchten die Kamera als Vorwand um Mädchen nachzustellen.

Der zweite Verlauf ist noch etwas unangenehmer: Auch er beginnt mit der Frage nach meiner Tätigkeit. An sich wäre offensichtlich das ich fotografiere, gemeint ist aber eher, was führen sie im Schilde. Und weil gleich zu Beginn klar ist, dass dies nichts Gutes sein kann, wird eine Antwort auch nicht abgewartet und es folgt unmittelbar das Aussprechen eines Verbots und die Drohung mit der Polizei. Die Polizei zu rufen ist sicher eine gute Idee, sie wird sich bestimmt freuen und bis dahin könnte ich einfach weiterfotografieren. Der ungebetene Gast wird diese jedoch nicht beiziehen und die Zeit geistiger Windstille auch nicht nutzen um seine Aussage auch nur kurz zu überdenken, sondern irgendwelches illegal-Gefasel aus dem eigenen Weltbild ungefragt darbieten. Meistens halten sie damit nicht allzu lange durch und dann beschleicht sie das dumpfe Gefühl, dass der grosse Bruder Polizei jetzt eben nicht da ist. Leider hat sich die der Fotografie zuträgliche Stimmung meinerseits noch schneller verflüchtigt und die Sache ist somit auch gelaufen.

Zurück bleibt die Idee, dass ein Amateur sich sicherheitshalber im allgemeinverständlichen Bereich bewegen sollte, sein Zentrum des Interesses darf sich nicht von demjenigen der Nichtinteressierten wegbewegen – ansonsten macht er sich verdächtig, wenn auch soweit noch unklar bleibt, wessen er sich verdächtig macht.

Andererseits erscheint damit die Idee des Rudelfotografierens plötzlich wieder deutlich attraktiver…

Gruss
Andreas

Unbeholfene, überbelichtete Bilder

Über folgenden Text bin ich gestolpert:

After wasting an afternoon taking pictures of a broken tricycle, moss on trees, and the shadow of a wrought-iron fence, Churchill Alternative High School senior Jessica Ivers falsely informed family and friends Saturday that she was getting into photography. „I love the way real film looks,“ said Ivers, who has owned the old single-lens reflex 35 millimeter camera for exactly one week, and named as her favorite photographers „probably Diane Arbus“ and the French guy who took the picture of the boy with the wine bottle. „I’m really fascinated by textures, and I think I’ll be able to get some good shots of my grandma’s hands this weekend.“ Sources close to Ivers expect the camera to join her clarinet and yoga mat under her bed once she pays $14.85 to develop the roll of clumsy, overexposed images.

Der Text liess mich etwas ratlos zurück. Da ist der eigenartige Umstand, dass eine Nichtnachricht portiert wurde – ein etwas erweiterter Blick auf die Website zeigt, dass es sich evtl. um Satire handeln könnte.
Aber da ist noch etwas anderes, die Geschichte enthält ein unglückliches aber leider verbreitetes Muster – der hinterhältige Trick besteht ja bekanntermassen oftmals darin, dass Satire und Realität zu nahe beieinander liegen.

Gehen wir das Muster kurz durch:

Da sind also zwei Personen – Die erste zeigt Begeisterung, die zweite ist längst darüber hinweg.

Erzählt wird aus der Perspektive der zweiten Person: Deren Motivation sind die Bilder, nicht eine Tätigkeit,  und diese Bilder werden clumsy (unbeholfen) und overexpossed sein. Der Erzähler ist aufgrund der eigenen Erwartung bereits enttäuscht bevor er überhaupt Bilder gesehen hat, diese werden ihre $14.85 also nicht wert sein. Somit ist auch schon klar, dass der Nachmittag verloren war – wasting an afternoon taking pictures – welch sinnloses Unterfangen.

Auf der anderen Seite finden wir Jessica, Faszination und Tätigkeit. Sie macht einen Blick in die Zukunft und hat einen festen Glauben daran, etwas erreichen zu können, auch wenn die Blickdistanz im Artikel noch kurz und der Glaube gar konkret ist: I’ll be able to get some good shots of my grandma’s hands this weekend.

Was ist eigentlich das Thema des Textes? Es geht um nicht weniger als eine wichtigen Aspekt eines Lebensentwurfes – um die Berufswahl – um den Entscheid, ob es Berufung sein soll oder eine notwendige Tätigkeit zur Erlangung eines Einkommens – es geht um den Unterschied zwischen Lohn und Entschädigung.

Entscheidungen können aus Begeisterung getätigt werden oder aber auch aus einer zynischen Weltsicht – in diesem Fall nicht in Personalunion. Die erzählende Person weiss wie es kommen muss – das Ganze ist ja nicht neu, wie die Beispiele von Klarinette und Yogamatte zeigen. Der Erzähler wird durch seine Erwartung die Geschehnisse steuern, dadurch erhält das Ganze dann auch den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Dass es so sein wird steht schon klar im Text: falsely informed family and friends Saturday that she was getting into photography. Vermutlich war diese Methodik schon erfolgreich beteiligt als die Klarinette und die Yogamatte den Weg unter das Bett fanden – wobei die Yogamatte ja noch zu verschmerzen wäre.

Die Frage die ich mir jeweils stelle wenn ich morgens gelegentlich Gespräche von Leuten auf dem Arbeitsweg mit verfolge: bei deren Arbeit ist nichts übrig geblieben was Sinn stiften könnte, welche Begeisterungen wurden wohl bei denen schon frühzeitig totgeschlagen?

Gruss
Andreas

P.S. Wenn sie also in Zukunft in einem Fotoforum ein hoffnungsvolles, zartes Foto-Pflänzchen antreffen, welches mit Begeisterung das erste Licht erblickt – so seien sie bitte einfühlsam und lassen die Begeisterung leben – die Welt würde nicht schlechter dadurch.