Back to the roots …

Wellenartig ergeben sich immer wieder Diskussionen zu Kameras – sei es weil man selbst eine neue Kamera möchte und sich entsprechend orientiert, sei es weil neue Kameras vorgestellt werden und neue Möglichkeiten propagiert werden.

„Back to the roots“ scheint bei diesen Diskussionen ein wichtiger Aspekt geworden zu sein, allerdings weiss niemand so genau was darunter zu verstehen ist. Es ist wohl mehr ein Gefühl, irgendwas in der Form von Fotografie sei technisch anspruchsvoller geworden.

Vor einiger Zeit hatte ich eine kleine Auflistung von Features geschrieben, welche eine Kamera heute im Durchschnitt so hat …
ich war selbst etwas erstaunt was sich da alles zusammenfand. Auf der Website gepostet hatte ich dann nur eine Art Schlussfolgerung, deshalb hier die kleine Auflistung, ohne weitere Hintergedanken.

Im wesentlichen ist eine Kamera etwas sehr einfaches. Ein Objektiv projiziert ein Bild auf einen Film oder einen Bildsensor und dieser zeichnet das Bild auf, macht es quasi haltbar. Als wichtiges Element kommt dann noch ein Bildsucher hinzu, welcher dem Fotografen den Bildausschnitt zeigt und ihm daher ermöglicht, das Bild vorgängig zu gestalten.

Sinnvollerweise lassen sich auch ein paar Einstellungen vornehmen:

  • Das Objektiv lässt sich auf verschiedene Motivdistanzen scharf stellen,
  • in vielen Fällen lässt sich der Bildwinkel ändern (durch Objektivwechsel oder mittels Zoomobjektiv).
  • Die wirksame Öffnung des Objektivs, die sogenannte Blende, lässt sich in mehreren Stufen einstellen.
  • Dann ist noch die Belichtungszeit in einem sinnvollen Bereich einstellbar.
  • Bei analogen Kameras konnte man den passenden Filmtyp wählen. Bei digitalen Kameras entspricht dies der ISO-Empfindlichkeitseinstellung und dem Weissabgleich.

That’s it. Man fragt sich intuitiv, wozu all die Menus und Einstellungen dienen.

Willkommen sind natürlich auch Automatiken, sie vereinfachen das Fotografieren, oftmals ermöglichen sie erst ein Bild, das heisst, ohne die Automatik würden gewisse Bilder wahrscheinlich gar nicht erst entstehen.

  • Wir haben den Autofokus
  • und die Serienbildfunktion,
  • Blenden-, Zeit- und Programmautomatik,
  • Spot-, mittenbetonte und Mehrfeldmessung,
  • automatische Empfindlichkeitseinstellung,
  • sowie Weissabgleich-
  • und Blitzautomatik.

Mindestens!

Aber manchmal liegt die Automatik auch daneben, dafür gibt es zum Glück für den Fotografen auch Eingriffsmöglichkeiten. Wir finden

  • Belichtungskorrekturen
  • und Belichtungsreihen,
  • wir speichen die Belichtung mittels Belichtungsspeicherung
  • und korrigieren die Blitzleistung.
  • Dann geben wir das Autofokusmessfeld vor und starten die Fokussierung,
  • und wenn diese nicht tut wie wir dies wünschen können wir immer noch manuell in den Autofokus eingreifen.

Jetzt ist das Bild also gemacht und die Kamera soll dieses Abspeichern. Auch dies geschieht nach unseren Vorstellungen, oder zumindest nach den von uns getätigten Einstellungen. Zu wählen ist

  • das Seitenverhältnis und die Grösse des Bildes,
  • den Grad der Komprimierung für das jpeg-Format von Normal bis Fine
  • und den Farbraum, mit welchem das Bild beschrieben werden soll (AdobeRGB oder sRGB).

Aber manchmal läuft da noch mehr. Die Kamera zeichnet nicht nur das Bild auf, welches sich aus den oben beschriebenen Einstellungen ergibt, sondern sie korrigiert es auch.

  • Die Verzeichnung des Objektivs wird rausgerechnet,
  • Farbfehler des Objektivs, welche sich in Farbsäumen entlang von Kanten äussern werden eliminiert
  • und Randabdunklungen (Vignettierungen) aufgehellt.

Und weil dies alles wünschenswert war gehen wir gleich noch einen Schritt weiter. Das Bild lässt sich durch kamerainterne Bearbeitung nicht nur korrigieren, sondern auch gleich verbessern. Da kann man ja nicht wirklich dagegen sein.

  • Farben werden selektiv „verbessert“,
  • der Kontrast verstärkt,
  • Bildrauschen reduziert,
  • das Bild nachgeschärft
  • und rote Augen automatisch retouchiert.

Dadurch entstehen natürlich wiederum ein paar Einstellmöglichkeiten. Wir geben im Kameramenu den Stil vor (Porträt, Landschaft …) und definieren für diese dann den jeweiligen Grad der einzelnen Verbesserungen.

Eventuell wollten wir dies gar nicht, aber auch dies wurde bedacht: Alternativ lässt man uns das Bild auch im Raw-Format ablegen, damit wird das Bild völlig unbearbeitet aufgezeichnet und ermöglicht uns nachträglich die vollständig selbstbestimmte „Entwicklung“ des Bildes. Der Raw-Modus will natürlich vorerst konfiguriert werden:

  • Komprimiertes oder unkomprimiertes Raw-Format,
  • 12 Bit oder 14 Bit Farbtiefe,
  • eingebettetes Jpeg-Vorschaubild oder ohne,
  • und zusätzliches Jpeg Bild auf der Speicherkarte oder nicht.

Durch die ganzen Hilfsmittel besteht die Gefahr, dass für die Fotografie Wesentliches in der Fülle der Parameter und Einstellmöglichkeiten untergeht und der Fotograf mangels Überblick über sein Gerät sich anderen Tätigkeiten zuwendet. Auch hier kann geholfen werden, dafür gibt es

  • einen Easymodus, bei welchem ein Grossteil der Einstellungen im Kameramenu nicht mehr zugänglich sind.
  • Motivprogramme für alle denkbaren Motive (Wald, Wiese, Flur, Nachtaufnahme, Adult-XXX …),
  • automatisches Zuschalten des Blitzgeräts nach gut befinden der Kamera,
  • Gesichtserkennung und automatisches Auslösen bei einem Lächeln,
  • Foto zu Kunst-Konverter (Art-Filter),
  • und abschliessender Upload in Facebook und Flickr auf Knopfdruck.

Das Ganze mag jetzt für einige Kameras etwas überspitzt formuliert sein, meines Erachtens zeigt es aber eines deutlich. Eine Kamera ist nicht immer in dem Masse ein neutrales Werkzeug wie dies gerne behauptet wird. Geht man positiv an die Sache heran, könnte man geneigt sein zu sagen, die Kamera ist neben dem Fotografen ein weiterer Akteur und einer von beiden wird führen.

  • Für den Fotografen, welcher Fotografie nicht als sein Hobby betrachtet und einfach ein Bild will ohne einen spezifischen Anspruch daran zu stellen, ist es in Ordnung, wenn die Kamera führt.
  • Soll Fotografie ihr Hobby sein verhält es sich wie mit Ross und Reiter: schauen sie zu, dass sie oben sitzen.
  • Für den Profifotografen gilt: Macht die Kamera nicht was sie soll, so landet der Gaul beim Metzger.

Der Ausdruck die Kamera beherrschen kriegt dadurch seinen tieferen Sinn. Und weil wir jetzt oben sitzen lässt sich dies wiederum konfigurieren: Wir geben über das Kameramenu unseren Namen ein, damit die Kamera diesen mitsamt Copyrighthinweis in der Bilddatei einfügt und uns damit als Reiter ausweist.

Gruss
Andreas

Ein Gedanke zu „Back to the roots …

  1. Back-to-the Roots als Rückkehr zur Guten-alten-Zeit
    ist das möglich ?
    Kaum oder nur unvollständig würde ich sagen.
    Beinhaltet es doch die Versuchung zu behaupten früher war alles Besser
    weil wir weniger Automatiken zur Verfügung hatten und den Film und Verschluss noch von Hand transportieren mußten.
    Schon früher wurde fotografiert oder geknipst und auch heute gibt
    es immer noch eine Vielzahl von Menschen die keine Kunstwerke
    sondern nur Erinnerungen schaffen bzw. festhalten wollen.
    Nun geht es den Könnern genauso wie den Knipsern das ein Bild
    später anders herauskommt als man das Motiv wahrgenommen hat.
    Das ist nicht die Schuld der Technik sondern der Wahrnehmung oder
    der Emotionen die die Technik nicht abbildet obwohl der Mensch sie
    durch Verknüpfung empfindet.

    Die Technik einer Kamera zu beherrschen ist somit nur ein Teil einer Kette in der es gilt mit ihr und der darauf folgenden Nachbearbeitung
    eine beabsichtigte Aussage zu erziehlen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.