Ein Ansatz zu konstruktiver Kritik

Kritik anbringen bedeutet nichts anderes, als sich mit vorgefundenem etwas vertiefter beschäftigen als wir dies ansonsten täten. Konstruktive im Sinne von weiterbringende Kritik ist also auch diejenige, welche man selbst verfasst, darin sehe ich den eigentlichen Nutzen von Fotoplattformen. In diesem Zusammenhang möchte ich offen lassen, ob die Kritik dann auch veröffentlicht wird, die Sache ist für uns somit (abgesehen vom Zeitaufwand) weitgehend gefahrlos.

Beginnen wir mit einer Auswahl:

  • Welche Bilder fallen (mir) auf,
  • welche gefallen mir, welche nicht?
  • Welche Bilder würde ich gerne selbst machen?

Nicht ein Bild suchen wir um dieses dann analytisch zu zer- und erlegen, der erste Schritt ist mehr eine Orientierung im Bildermeer, die Anlage einer virtuellen Fotoschachtel. Dabei werden auch einzelne Fotografen resp. deren Bilder als Werk ins Blickfeld rücken – und damit fotografische Stile. Ich verstehe dies in ähnlichem Sinne, wie man „früher“ in Bibliotheken Bildbände aus dem Regal zog und wieder zurücklegte, resp. einige dann eben nicht, weil man sich inspiriert fühlte und sie sich zuhause nochmals in Ruhe ansehen wollte.
Ich tat dies jeweils in der Bibliothek zu einer Zeit, als es das Internet zwar schon gab, aber weitgehend noch ohne Fotocommunities – diese Tätigkeit ist also nicht zwingend ans Web gebunden, sondern nur an eine genügend grosse Ansammlung unterschiedlicher Bilder, wobei ich stillschweigend davon ausgehen, dass die statistische Verteilung in einem genügend grossen Haufen auch ein paar Perlen hinterlegt.

Für den nächsten Schritt hin zu konstruktiver Kritik bieten sich dann verschiedene Schärfengrade an:

  • Man kann an diesen Bildern irgendwas herumanalysieren. Fein, keine falsche Scheu, ihre analytischen Fähigkeiten werden dadurch sicher besser. Dieses emsige Treiben hat den Nachteil, dass es zur eigenen fotgrafischen Tätigkeit keinen wesentlichen Bezug hat.
  • Die Einschläge kommen bereits deutlich näher, wenn wir uns fragen, weshalb die gesammelten Bilder besser sind als die unseren – immer noch analytisch.
  • Kommen wir zur richtigen Kritik, welche meiner Meinung nach immer auch eine Handlungsprämise enthalten muss, dann lautet die Fragestellung: Was muss ich unternehmen, damit meine Bilder auch so gut werden.

Die konstruktive Kritik lautet dann:

  • Nimm dir mehr Zeit, gute Landschaftsbilder brauchen das richtige Licht, den richtigen Moment. Beginne zu planen, halte dich daran, steh genügend früh auf.
  • Für Porträtfotografie: Nimm dir Zeit mit Menschen zu sprechen statt sie nur heimlich abzulichten.
  • Nimm die Kamera für Streetfotografie immer mit. Lass das lange Tele und das Ultraweitwinkelobjektiv zuhause. Nimm mit Personen Kontakt auf.
  • Und vor allem: Lerne endlich mit den verhassten Blitzgerät subtil umzugehen.

Noch was: Im vorangehenden Artikel hatte ich geschrieben, das der Kritiker erwartet, dass man ihm zuhört, ihn ernst nimmt. Aber so direkt wollten wir es eventuell gar nicht haben

Gruss
Andreas

3 thoughts on “Ein Ansatz zu konstruktiver Kritik

  1. Ich greife einfach mal einen Punkt raus:

    „Nimm die Kamera für Streetfotografie immer mit. Lass das lange Tele und das Ultraweitwinkelobjektiv zuhause. Nimm mit Personen Kontakt auf.“

    Ich bin durchaus ein Verfechter dieses Punktes, und würde ihn auch bei 90% dessen, was man uns als Streetfotografie verkaufen will, als notwendig sehen bzw. sprachlich vorbringen, aber mal im Ernst: So konstruktiv dieser Ansatz ist, weil er alles beinhaltet, was dazu zu sagen ist, so wird er dennoch nicht auf fruchtbaren Boden treffen, da der oder die Angesprochene schon das Fundament argumentativ zerschlagen möchte und behauptet, das Streetfotografie das künstlerische Pendant zur „Versteckten Kamera“ ist und nur dadurch Authenzität erlangt.
    Das heißt: Erlangt die konstruktive Kritik keine Anerkennung durch den Kritisierten, dann verpufft sie in ihrer Grundmessage, die da lautet: Ich mag das nicht, wie du fotografierst.
    Kann man es also auch gleich sagen.

    Ich verstehe was du meinst, aber das Risiko solcher Massenveranstaltungen, der anonymen Begegnung und der Vermutung, das ein jeder diskutieren will, liegt doch darin, das eine fruchtbare Kommunikation niemals mit Ablehnung oder Kritik beginnen kann, sondern in der Regel erstmal mit Kenntnisnahme des Gegenübers und Anerkennung seiner bisherigen Leistungen. Und diese auch entsprechend höflich als Einleitung genutzt.

    Soll heißen:“Vom Ansatz und von der Zielsetzung finde ich deine Fotografie gut, bemerkens- und mindestens so beachtenswert, das ich dir nun ein Tipp anbieten möchte. Nimm die Kamera für Streetfotografie immer mit. Lass das lange Tele und das Ultraweitwinkelobjektiv zuhause. Nimm mit Personen Kontakt auf.“

    Wobei ich, wenn ich ehrlich bin, trotzdem nicht wirklich an einen Erfolg glaube. Den für sowas geht kein Mensch in eine fotocommunity.

  2. @jazznrhythm:
    Die konstruktiven Kritik sehe ich eigentlich darin, die eigenen Bilder anhand besserer Vorgaben selbst kritisch zu hinterfragen. Zu notieren braucht man diese Kritik dann auch nicht, d.h. sie scheint in der Community nicht auf.

    Ich stimme mit dir weitgehend überein, was die Kommunikation im Web anbelangt – was ich hier treibe ist daher eher der Versuch, diesen Fotomonstern einen persönlichen Nutzen für die eigene Entwicklung abzutrotzen – ganz asozial. Diese Seiten sind dann das was jeder für sich daraus macht.

    Gruss
    Andreas

  3. Das macht Spaß :-). Ok, wenn man die Fotocommunities als visuellen Zugewinn zur Weiterbildung sieht, und entsprechend nahrhaft Bilder auch als Entwicklungstufe oder Herausforderung ansieht, dann stellen diese Plattformen durchaus etwas dar, was einem als Fotograf entschieden weiterbringen kann.

    Bleiben wir beim Beispiel Streetfotografie. Bei klassischen Streetfotografen wie z.b. Walker Evans waren die stärksten Bilder jene, die eine Nähe des Fotografen zum Objekt seines Interesses dokumentierten. Das heißt, je näher Walker Evans dem Fotografierten kam, umso kraftvoller wirkten seine Bilder. Auf Augenhöhe waren sie nur noch beeindruckend.

    Schaut man sich diese Bilder an, so gewinnt man einen Eindruck davon, was Streetfotografie und Reportage tatsächlich leisten kann. Mißt man sich daran, so gelangt man selbstkritisch an einen Punkt, der einen weiter zu bringen vermag, in dem man einfach sagt: Das geht mit Fotografie, hier stehe ich.

    Das Problem , aber auch das Gute, an Fotocommunities ist jedoch, das sie Genre und Niveaus in beliebiger Höhe kreiren. Soll heißen: Wo früher Fotobände eine redaktionelle Auswahl darstellten und die Spreu vom Weizen trennten (teilweise sehr manipulativ, aber sei es drum), da gibt es heute einen Strohballen, in dem man die Stecknadel nicht gewahr wird. Man kann sich aber sein Leben lang an Stroh messen, wenn man sich lediglich in Fotocommunities aufhält und Stroh als das Nonplusultra empfinden, weil man die Stecknadel nie zu Gesicht bekommt.

    Das heißt: Ohne Walker Evans Bücher wüßte ich nicht, auf welchem Level die nachgewachsenen Mittelformat-Götter ihren Status begründen, und das wir mit ihnen auch nicht weiter kommen. Die Fotocommunities befruchten sich selbst, unter Umständen immer auf demselben Level. Unter günstigen Umständen sind sie jedoch in der Lage Subgenres oder Subkulturen wie Polaroid oder Holga zu einem Höhepunkt zu verhelfen. Aber das schiebe ich darauf, das dieses weitverbreitete Ding immer noch ein Minderheitenprogramm ist.

    In der Grand Canyon-Fotografie jedoch sehe ich seit zehn Jahren im Internet generell nur Wallpaper-Fotografie, die schärfer, größer, netter und gefälliger wird, so dass sie nun auch für 40″-Zoll Monitore geeignet ist. Das hat seine Berechtigung, bedeutet aber Stillstand, und ist das Ergebnis der selbstkritischen, durchaus konstruktiven Kritik in einer Massenbewegung, die sich nur an der Masse mißt. Nicht jedoch mehr an wirklich herausragenden Beispielen, die unter Umständen auch mal avantgardistisch sein können. Die Fotocommunities eigenen sich IMHO auch gut darin, auf einem Level zu verharren, diesem zu frönen, sich da einzubaggern und zu vereisen.

    Deswegen finde ich deine Ansätze gut, ich finde es auch gut, das analytisch und mit einem Hinweis auf eine Chance zu betrachten, aber genausogut vermute ich heute einen Trend, der langsam Gestalt gewinnt, der Offline-Individualismus und -Wertigkeit predigt und zu einer allgmeinen Abkehr von Communities führt. Ich geben diesen Kreativ-Gräbern, die heute Art- und Fotocommunities darstellen nach 1 fettes, 2 gute , und dann 1 mageres Jahr. Und dann ist diese Form vorbei, weil der Content jetzt schon zuviel Arbeit für den einzelnen Menschen bedeutet und ihn zu sehr stresst.

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