Wie man nicht fotografieren soll

Colin Pantall schreibt momentan in seinem Blog eine Serie von Artikeln zum Thema How not to Photograph.

Bemerkenswert ist, dass die Artikel nicht auf den technischen Teil der Fotografie eingehen, sondern den Motivaspekt behandeln, was zeigen wir in den Bildern, respektive um auf den Titel der Serie zurück zu kommen, was sollen wir gemäss seiner Ansicht nicht zeigen. Das ganze ist – sagen wir mal – recht prononciert. Bisher hat Pantall 15 Postings zu dieser Serie veröffentlicht.

Ein Thema, welchem ich in der Fotografie schon mehrfach begegnet bin ist der Tod. Einerseits als fotografische Beschäftigung mit ebendiesem, andererseits lässt sich das Thema auch aus einem Gefühl heraus fotografisch inszenieren. Meistens liegen dann junge Mädchen irgendwo in einer Wiese, diese Werke müssen nicht unbedingt grossen Tiefgang haben, ich nehme an, die Bilder sind Aequivalente zu traurigen Gedichten. Auch Colin Pantall geht auf dieses Motiv ein, aus dem Artikel The playing Possum Portrait:

Nowadays, it seems, playing dead has become a theme in photography designed to show.. to show… to show, I’m thinking hard here, but nothing’s coming.

To show what?

Ok, the photographer’s decided to have people in the picture, that’s an advance at least on pictures of empty beds.

Ein anderes Thema behandelt der Artikel Never Mind That. Das Thema sind Bilder, welche ein Nicht-Thema tief ergründen und gleichzeitig ein aktuelles Thema verpassen. Colin Pantall beschreibt dies so:

It’s a bit like writing about Josef Fritzl and his love of scrabble and the Paso Doble, then missing out all the horror bits because that’s been done to death already and it’s time we heard about his good side and he’s just a regular bloke, except that he’s not.

Trotz der vielen Überspitzungen erkenne ich doch einiges aus eigener Erfahrung wieder und auch einen gewissen Tiefgang kann ich Colin Pantall nicht absprechen. Die Frage, welche sich mir nach diesen Artikeln aber umso deutlicher stellt lautet: Wie soll ich fotografieren?

Gruss
Andreas

5 thoughts on “Wie man nicht fotografieren soll

  1. Es gibt ein Buch „Nochmal Leben vor dem Tod“ von der Journalistin Beate Lakotta und dem Fotograf Walter Schels, in dem sehr berührende Portraits von Menschen kurz vor und kurz nach ihrem Tod enthalten sind. Walter Schels hat (wenn ich das richtig weiß) für diese Portraits 2004 eine silberne Medaille beim world press foto award bekommen. Meiner Meinung nach zeigen diese Bilder, dass Colin Pantall falsch liegt. Diese Bilder und Reportagen können aus meiner Sicht helfen, sich mit dem Thema Tod und Sterben konstruktiv und ohne jede Sensationsgier zu beschäftigen.
    In einer Zeit, in der Tod angesehen wird als Zeitpunkt, zu dem der Mensch aufhört, zu konsumieren, und damit für die Werbung uininteressant wird, sind solche Bilder wichtig und eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben notwendig.
    In der Ausstellung „Visual leader 2012“ im Hamburger Haus der Fotografie wurde u.a. eine kleine Bilderserie gezeigt, in der ein Jugendlicher das Sterben seiner Schwester – ja, bedenkt? festhält? verarbeitet? sehr sensible Bilder, auch ganz unspektakulär, aber doch sehr berührend … Er hat dafür, meine ich, einen Sonderpreis bekommen. Vielleicht war das eine Reportage aus einer Schülerzeitschrift. Ich habe leider seinen Namen nicht mehr herausgefunden; ausgerechnet diese Bilder sind auf der webseite des Veranstalters http://www.leadacademy.de nicht zu sehen. Vielleicht hat außer mir noch jemand diese Bilder gesehen?

  2. Soweit ich mir anmaße irgendwelche moralischen Werte festzulegen
    oder von anderen Menschen deren Einhaltung einzufordern muss mir
    bewußt sein das mein persönlichen Blick immer ein subjektiver Spiegel
    meiner selbst darstellt Рniemals die objektive Wirklichkeit oder h̦here
    Wahrheit und schon gar nicht den Anspruch hat die Welt über den Tellerrand
    unserer Spezies zu erklären.

    Alles was stattfindet und was geschieht bleibt ein Teil der Natur/des Ganzen
    egal ob es nur mit blosem Auge betrachtet oder durch ein Aufzeichnungsgerät
    festgehalten wird .

    Wird die Welt besser oder ändert es das Wesen der Menschheit nur weil ich
    Geschehnisse nicht fotografiere ?

    Darf alles gezeigt werden oder wenn nicht wer legt die Grenzen fest ?
    Der Staat und die Kirche beanspruchen doch schon über Jahrhunderte dieses Recht – oder ?

  3. Die Welt wird nicht besser, weil etwas nicht fotografiert wird. Aber vielleicht wird sie besser, weil etwas fotografiert wird. Bewusstes „Hinsehen“, also „Erkennen“ – und genau das macht der Fotograf – hat immer eine Veränderung zur Folge – und sei es nur, dass sich beim Fotografen etwas ändert. Wenn andere sein Bild dann betrachten, überträgt sich im optimalen Fall dieser Erkenntnisprozess auf die Betrachter.
    Als Fotografierender sollte ich mir zwei Fragen stellen: werde ich mit meinem Bild der abgebildeten Situation, dem abgebildeten Menschen, dem abgebildeten Ereignis gerecht, und werde ich dem Betrachter gerecht? oder, anders formuliert: gehe ich „respektvoll“ mit meinem „Bildobjekt“ um, und gehe ich „respektvoll“ mit dem Betrachter um?
    Wenn ich beide Fragen mit „ja“ beantworten kann, dann ist es – rechtliche Fragen mal außen vor gelassen – meiner Meinung nach auch ok, das Bild zu fotografieren und anderen zu zeigen.
    Beim „Betrachter“ wäre vielleicht noch zwischen einem Betrachter, der mit Absicht das Bild betrachtet, und einem zufälligen Betrachter zu unterscheiden – aber nur vielleicht.
    Staat und Interessenvertretung einer (Un)Glaubensgemeinschaft (Kirche, Synagogengemeinde, muslimische Gemeinde, hinduistische Gemeinde, atheistische Gemeinde, …) mögen vielleicht den Anspruch haben, festzulegen, was fotografiert und was gezeigt wird. Die Entscheidung trifft aber letztlich zunächst der Fotograf, und ggf. nachher der Betrachter.
    Vielleicht sollten sich die Leute, die beispielsweise Muslime durch „Karikaturen“ beleidigen, mal überlegen, was das mit „Respekt“ zu tun hat – und die Muslime könnten sich überlegen, welchen „Ernst“ sie solchen Bildern beimessen, die – aus meiner Sicht – nichts anderes wollen als provozieren. Ähnliches gilt auch für die Redakteure der Zeitschrift, die letzthin den Papst mit besudeltem Umhang auf ihr Titelblatt druckte, und natürlich auch für die Betrachter dieses Titelbildes. Ohne Frage haben weder die einen noch die anderen Abbildungen die Welt nicht besser gemacht.
    Ich meine, es war Plato, dem die folgende Geschichte zugeschrieben wird:
    Ein Schüler kam zu ihm gelaufen und rief „Ich muss Dir dringend etwas sagen!“ Plato unterbrach ihn und fragte zurück „Halt, mein Freund! Das, was Du mir sagen willst: macht es die Welt besser?“ „Nein“ entgegnete der. Plato fragte weiter „Macht es denn meine Welt besser?“ „Auch nicht“ lautete die Antwort. „Macht es denn wenigstens Deine Welt besser?“ „Auch das nicht“ entgegnete der Schüler kleinlaut. „Also, wenn das, was Du mir sagen willst, weder die Welt noch meine Welt noch Deine Welt besser macht – warum willst Du es mir dann unbedingt sagen?“ beendete Plato die Unterhaltung und wandte sich wieder seiner ursprünglichen Beschäftigung zu.

  4. Nun Thomas – das Bilder die Welt verändern bzw. beeinflussen oder
    manipulieren würde ich aus temporärer Sicht zustimmen aber jeder Generation
    macht ihre eigenen Fehler (aus denen die Menschheit bis heute nichts gelernt hat).
    So gesehen bleibt es mehr als fragwürdig was ein Bild/Karrikatur/Text in letzter
    Instanz verändern oder bewegen kann.
    Schön das Du gerade die aktuelle „Mohammed-Ver-Unglimpfung“ als Beispiel
    aufführst. Für die Einen ist es nur ein dummer Film – für die Anderen eine unglaubliche Beleidigung ihres Glaubens/Kultes/Weltsicht (den sie definitiv
    nur durch ein Buch oder ihren Vorbeter beigebracht bekommen haben).
    Aus diesem „Beleidigtsein“ eine Legitimation für Gewalt oder die Durchsetzung
    eigener Intressen welche dieses Ereignis nur zum Anlass nehmen mit Gewalt
    abzuleiten wiederspricht meiner Ethik nach allen religiösen Geboten oder
    politisch-rechtsstaatlichen Gesetzen in dem Maße das ich lange viele Dinge
    falsch fotografieren dürfte um diesem Frevel gleichzukommen.

    Thema aber war doch „Wie man nicht fotografieren soll“ was verdeckt vermittelt
    es gäbe eine (nur eine) richtige Art zu fotografieren und eine falsche – wobei
    dies moralisch/gestalterisch oder technisch gesehen nicht der Fall sein kann
    da Fotografie als Medium immer einen Sender und einen Empfänger benötigt
    welche die Botschaft auf verständlichem Niveau weiterreicht und da kollidiert
    es wie schon bemerkt manchmal an der Kultur/Weltsicht oder dem Intellekt.

  5. Ich habe versucht, darzulegen, dass die Kriterien für „richtige“ und „falsche“ Fotografie, also die Antwort auf die Frage, wie man nicht fotografieren soll, aus meiner Sicht nicht auf einer „fotografischen“ Ebene zu finden sind. Es kann im Einzelfall ok sein, unter Missachtung aller fotografischen Regeln zu fotografieren, wenn die beiden Fragen „Werde ich dem >Objekt< gerecht", und "werde ich dem Betrachter gerecht", gestellt und nicht leichtfertig mit "ja" beantwortet wurden.
    Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass die Suche nach einem "gerechten" Bild auch zu einem "guten" Bild führt – sowohl was das Handwerkliche beim Fotografieren als auch was die Interpretation beim Betrachten angeht.
    Der Prozess des "Erkennens" ist wohl nur in existentiellen, überlebenswichtigen Kontexten bei den meisten Menschen ähnlich. Bilder von Feuer oder von sonstigen bedrohlichen "Objekten" werden immer die Aufmerksamkeit auf sich ziehen – ob in unserer "westlichen" Kultur oder in anderen Kulturen. Bei anderen Kontexten mag es kulturabhängig verschiedene Interpretationen geben. So kann ein Lächeln als ein Ausdruck der Freude, aber auch als Herausforderung oder gar als Aggression verstanden werden. Es mag sogar Kulturen geben, zu deren Selbstverständnis es gehört, keine Abbilder von Menschen oder von anderen Objekten zuzulassen. Ich meine, gehört zu haben, dass bei manchen Völkern das Anfertigen eines Bildes von einem Angehörigen dem Diebstahl seiner Persönlichkeit gleichkommt.
    Beim Fotografieren muss mir zumindest grob klar sein, was mein Bild vielleicht anrichtet. Wenn das nicht so ist, sollte ich das Bild vielleicht besser nicht fotografieren.
    Wie man nicht fotografieren sollte? Gedankenlos, hirnlos, rücksichtslos, bedenkenlos, gewissenlos, hemmungslos, geschmacklos, gefühllos, herzlos, mitleidlos, stillos, anspruchslos (man sollte schon einen gewissen Anspruch an das Bild als solches stellen …), sorglos, …
    vor allem nicht mit Gewalt (ein Fotograf kann sowohl sein "Objekt" als auch die Betrachter vergewaltigen) …
    Sicher habe ich noch das eine oder andere vergessen. Vielleicht mag jemand die Aufzählung ergänzen; das wäre für alle ein Gewinn.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.