Wenn wir wissen warum wir fotografieren …

Betreffend der letzten beiden Postings zur Bildgestaltung fielen viele Worte.  Die Frage tauchte auf:

Wenn wir wissen „Warum“ wir fotografieren, wissen wir dann auch „Wie“ wir Fotografieren müssen?

Es ist eine Frage nach der Motivation, gleich wir auch der Kriminalist nach dem Motiv fragt. Anhand eines Beispiels: In den Kommentaren wurden Hochzeitsbilder angesprochen.

Weshalb fotografieren wir eine Hochzeit? Weil diejenigen, welche heiraten, Hochzeitsbilder wollen.
Wie fotografieren wir? Möglichst so, dass die Bilder als Beleg für eine gelungene Hochzeit dienen, dass die anwesenden Personen sich erkennen. Die Bilder haben also einen Zweck.
Auch nach den Zeichen wurde gefragt. Sicher mal die ganzen Rituale, das übliche im Rahmen der Hochzeitsfotografie und dann alles danach.
Aber es gibt ein viel subtileres Zeichen. Ich hatte mal die Gelegenheit, einen Vortrag des Hochzeitfotografen Jeff Ascough mitverfolgen zu dürfen. Er sprach vorallem sehr viel über Licht. Sinnigerweise gehört Licht und Kirche zusammen – und so nehmen wir also Licht in Form des farbenen Kirchenfenster in den unscharfen Hintergrund des Bildes. Wenn wir jetzt die Bilder von Jeff Ascough betrachten fällt uns das Licht überall auf.

Gruss
Andreas

Bilder nehmen …

never have taken a picture I’ve intended. They’re always better or worse. (Diane Arbus)

Wie lernen wir Bildgestaltung? war die Ausgangsfrage beim letzten Posting – Die Bildgestaltung kann aus unterschiedlicher Perspektive wahrgenommen werden, in den Kommentaren zu besagtem Posting wird – bildlich gesprochen – um das Bild herumgestanden und die Sicht aus unterschiedlicher Richtung präsentiert.

Die Frage die sich für mich stellt: Sind die Ansichten kompatibel – und falls ja, ergibt sich daraus eine Gesamtsicht?

Hier möchte ich vorerst auf zwei Punkte eingehen, welche meiner Meinung nach miteinander verknüpft sind.

Eine Ansicht ist diese: Für den nicht inszenierenden Fotografen ist das Bild durch die Realität bereits gestaltet, es eröffnen sich genau die beiden Möglichkeiten Bild nehmen resp. sein lassen. Hierin liegt eine Differenz zwischen Malern und Fotografen. Während der Maler die Realität nicht so braucht wie er sie ins Bild malt, ist der Fotograf angewissen auf ein exaktes Motiv, zumindest wenn man davon ausgeht, dass er nicht nachträglich am Bild herummontieren will (was dann wiederum eher der Malerei entsprechen würde).

Ein weiterer Einwand: Beim Blick durch den Sucher eröffnen sich dem Blick nicht geometrisch abstrakte Linien, Formen und Punkte, sondern reale Köpfe, Bäume oder was auch immer – sie wissen was gemeint ist.

Die beiden Argumente vereinen sich in diesem Satz:

Was, wenn ich herausfinde, dass ich zwei Menschen – gedacht als Punkte – gar nicht frei Anordnen kann, weil meine Kamera keinen Mensch-Move-Knopf hat?

Eine berechtigte Frage – sollten wir da nicht alle die Sinnlosigkeit unserer Tätigkeit einsehen und das Fotografieren einstellen? Was sie vorhaben weiss ich nicht – für meine Person kann ich sagen, dass ich gelernt habe sinnlose Tätigkeiten zu schätzen (auch in Anbetracht dessen was uns oftmals als sinnvoll vorgestellt wird).

Es ist natürlich richtig dass alles schon arrangiert ist und wir die Bilder nur nehmen. Die Welt ist eine grosse Szenerie und der Fotograf entnimmt ihr kleine Ausschnitte als Bilder. Der kreative Vorgang ist deshalb auch eher eine Bildauswahl als eine Bildgestaltung. Der Fotograf malt nicht, er wählt aus, reduziert, räumt auf. Der Vorgang reduziert sich auch nicht auf die Zeit vor dem Auslösen – er beginnt vor dem Blick durch den Sucher, geht über das Auslösen hinweg zum nächsten Bild und hört nicht auf wenn die Kamera weggelegt wird. Das anschliessende Sortieren der Bilder gehört dazu.
Zuerst will das Motiv als potentielles Bild erkannt werden – in vielen Fällen schreit das Motiv nicht und der Fotograf muss es selbst erkennen – es gibt hier natürlich Ausnahmen (Wegweiser: Photo Look Out). Ist es klein genug kann sich der Fotograf um das Motiv herumbewegen, es aus unterschiedlichster Perspektive betrachten – durch den Sucher betrachten – weiter weg oder näher hingehen, die Schärfe und deren Tiefe festlegen und den Bildwinkel ändern. Derart tastet sich der Fotograf an das Bild heran – sein Näherkommen wird er intuitiv fühlen. Dann ist das Bild fast da, jetzt wird noch verfeinert. Hier kommt meines Erachtens nach die klassische „Bildgestaltung“ ins Spiel. Sobald man sich auf sie achtet sind plötzlich all deren Aspekte da. Hier kriegt die Gestaltung einen handwerklichen Touch. Die Linien werden gerichtet, nochmals auf störende Elemente geachtet, der genaue Auschnitt bestimmt.

Eines der wirkungsvollsten Mittel um Bilder nachträglich zu verbessern ist dann auch der Bildausschnitt – er macht fertig was wir bei der Aufnahme zuwenig genau abgewogen hatten. Den Standort können wir derart zwar nicht mehr ändern, mehr zeigen geht auch nicht mehr, aber erfahrungsgemäss wird eher zuviel mitfotografiert als zuwenig.

Das andere nachträgliche Gestaltungsmittel ist die Selektion. Hier besteht nochmals die Gelegenheit zu entscheiden, welchen Teil wir stellvertretend für das Ganze stehen lassen wollen.

Gruss
Andreas