Wer ist alles auch hier?

Fotoportale betrachte ich immer gerne als italienische Dorfplätze. Sie sind von der Sonnen beschienen und es hat viele Leute dort, man hat Zeit und kommt so ins Gespräch. Weil es aber Fotoportale sind, haben sie auch noch eine weitere Eigenschaften, welche bei Dorfplätzen nicht zwingend gegeben sind: Man geht davon aus, dass mehr oder weniger alle Personen eine Sache gemeinsam haben: Alle haben sie eine Kamera.

Ergo haben alle das gleiche Hobby, folglich denken alle diesbezüglich gleich und pure Harmonie ist unausweichlich.

Unverständlicherweise scheint die Praxis die Annahme der Gemeinsamkeit zu wiederlegen.

Alleine, schon das Hobby muss nicht das gleiche sein. Hätten alle einen Hammer, so würde der eine diesen einsetzen um antike Möbel zu restaurieren und der andere damit nachts die Öffnungszeiten des Juweliergeschäfts via Schaufenster erweitern. Jetzt sind es halt Kameras, keine Hämmer, verhalten tut es sich aber ähnlich. Was kann man mit Kameras anstellen? Eine kleine Liste, unvollständigst:

  • Man kann sich für sie interessieren,
  • damit angeben,
  • sie als Accessoires rumtragen,
  • sich damit als einer Gruppe zugehörig kennzeichnen,
  • damit Bilderrohmaterial aufnehmen um anschliessend damit zu gestalten,
  • bedeutende Augenblicke unverfälscht festhalten,
  • oder auch Aufnahmen machen um Sachverhalte zu illustrieren.
  • Und natürlich kann man Kameras auch sammeln.

Jeder Fotograf wird demzufolge seine persönliche Sicht des mit der Kamera verbundenen Hobbies rumtragen, das Wesen der Fotografie anders definieren. Folgende Kernaussagen wären wohl zu hören:

  • Es geht um das Bild
  • Es geht um den Kontext
  • Es geht um das Wesen der Fotografie
  • Es geht um den vergänglichen Moment
  • Es geht um die Kunst
  • Es geht um den Weg.

Vorallem aber, sie ahnen es bereits, wenn eine Sicht richtig ist müssen alle anderen zwangsläufig falsch sein.

Etwas detailierter werden die Antworten auf die Sinnfragen der Fotografie grob die folgenden Formen annehmen:

– Der Kern der Fotografie besteht darin, denn Moment im Bild einzufangen. Das Bild zeigt die Wirklichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einer bestimmten Perspektive – der Fotograf wählt Moment und Motiv, dem Bild ist nichts zuzufügen und nichts wegzunehmen.

– Im Zentrum des Geschehens steht das Bild, welches vom Fotografen entworfen wird. Die eigentliche Aufnahme ist nur ein notwendiger Schritt zwischen Inszenierung und Bearbeitung. Es gibt keinen Moment, welchem das Bild zu entsprechen hat.

– Eine gegenteilige Sicht der Dinge hat die Art bestimmende Fotografie. Das Motiv steht in diesem Fall nicht für sich, sondern für alle Artgleichen. Nicht das individuelle ist heraus zu arbeiten, sondern das unpersönlich typische in einer typischen Umgebung – schliesslich sollen im Bestimmungsbuch die anderen anhand des einen wieder erkannt werden. Einer für alle, wieder dem Ego des Motivs

– Fotografie beschreibt was Worte nicht fassen können. Aufgrund dieses Vermögens ist es die moralische Pflicht der Fotografie, sich gegen Missstände zu engagieren, Bilder der Ungerechtigkeit in die Welt zu tragen damit diese empfunden wird, als Voraussetzung dafür, dass sie behoben wird.

– Der Sinn der Fotografie besteht in der Erinnerung. Mit Fotografien tragen wir unsere Vergangenheit herum, Taufe, Erstkommunion, Firmung, erste schwarze Eichenwohnwand, Hochzeit, Taufe … (weshalb fotografiert kaum jemand Begräbnisse?) und dazwischen alle Weihnacht wieder der ewig gleich verzweifelte Versuch, alle anwesenden Personen auf dem Sofa zu einem stimmungsvollen Familienbild zu arrangieren.

– Polaroid, Handyfotos, Holga und Kiev dienen uns als Pinsel. Fotografie ist Ausdrucksmöglichkeit der eigenen Persönlichkeit. Stimmungen und Verstimmungen schlagen sich in Bildern nieder mit einer Verfallzeit, welche in etwa so lange dauert wie deren Entstehung. Ich fotografiere, also bin ich. Dieses Grundmuster ist eindrücklich erkennbar im biografischen Film Dream of Life über Patti Smith.
Diese Bilder sind also kurz aufblitzende Artefakte unseres Innenlebens – und werden von Innenministern und Personalverantwortlichen grosser Firmen in geheimen Datenbanken gesammelt. Wer so sorglos mit Film umgeht ist sicher auch zu schlimmerem imstande …

– Fotografie bietet die Möglichkeit, dem hektischen Agieren und Reagieren vorübergehend zu entfliehen und in der Rolle des Betrachters einen Moment der Ruhe zu haben. Dem passiven Nichtstun wird damit ein Grund übergestüllt – der zugrundeliegende Versuch, einen Moment mit sich selbst zu sein wird in der Rolle des Kreativen überspielt.

– Fotografie kann auch als Sammeln betrieben werden – zumindest von einer Marke wurde dies erkannt und die immergleiche Kamera in immer wieder neuen Sonderserien als Sammlerstück aufgelegt – angerichtet in teuren Schmuckschatullen. Kameras, welche schon von Beginn an nicht mehr zum Fotografieren gedacht sind. Obwohl, mit etwas weniger Phatos beschlagen liesse sich damit bestens fotografieren.

Wir könne somit feststellen, der italienische Dorfplatz – ich möcht ihn fortan der Einfachheit halber fotocommunity nennen (ich weiss, sie hatten dies schon geahnt und es wäre unehrlich meinerseits zu verleugnen, dass diese Betrachtungen sich nur ganz allgemein ergeben hätten) – ist unterschiedlich bevölkert.

Welche Bewandtnis hat dies für uns?

Zweierlei: Wenn wir selbst eine Vorstellung von Fotografie haben, so dürfen wir den Platz betreten im Wissen darum, dass sich irgendwo eine Ecke finden lässt, welche auch unseren Standpunkt vertritt, wir hier also keineswegs falsch sind – voraussgesetzt, der Platz ist genügend bevölkert.

Haben wir hingegen ausser allgemeinem Interesse noch keine gefestigte Vorstellung davon, was wir von der Beschäftigung mit Fotografie überhaupt erwarten, so kann es sinnvoll sein, sich an den unterschiedlichsten Standorten erst mal umzuhören, um festzustellen das es verschiedene Glaubensrichtungen gibt, und nicht gleich dort Wurzeln zu schlagen wo man beim Betreten des Platzen zufälligeweise hingefallen ist. Eventuell wird man danach an nur einer einzelnen Idee auch nicht mehr genügend Freude empfinden.

Gruss
Andreas

Bildkritik

Der Begriff konstruktive Bildkritik gehört in Webforen zum Thema Fotografie wie das Ei zum Huhn. Immer wieder werden Versuche unternommen, solche Kritik zu beleben und Strukturen zu erschaffen, welche sie fördert. Das Ergebniss hingegen ist meist recht kurzlebig und wenig befriedigend.

Je nach Auffassung kann alles was geschieht als Kritik verstanden werden. Stelle ich in der fotocommunity ein Bild ein und das Bild kriegt keine Beachtung, so lässt sich auch diese Situation analisieren und eine Erkenntnis drängt sich geradezu auf: falscher Zeitpunkt, falsches Publikum, falsche Plattform, sie sehen wie das geht.

Hingegen ist eine Kritik, welche konkrete Aussagen zum Bild macht nicht einfach anzubringen oder dann gleich zu einfach.

Die einfache Situation ist Kritik an einem technisch schlechten Bild, da lässt sich prima die Technik kritisieren: mehr Kontrast bitte, den Horizont gerade richten, bitte auf der Scannerscheibe Staub wischen. Der Vorteil für den Kritiker besteht darin, dass man derart eine Aussage zu Bild sauber umgeht. Andererseits ist solche Kritik aber auch nutzlos, die angesprochenen technischen Aspekte kann der Fotograf selbst erkennen, resp. wenn er sie nicht wahrnimmt war er unaufmerksam, oder schlimmer noch, uninteressiert.

Wie sieht die Sache aus, wenn wir uns auf gestalterische Aspekte konzentrieren?
Nehmen wir an, eine Blume ziert das Bild, schön fotografiert von oben, sauber mittig ausgerichtet, von der hochstehenden Mittagssonne grosszügig ausgeleuchtet und der Hintergrund belebt das Bild mit vielen Details. Zu Bildeinteilung, Licht und Konzentration auf das Hauptmotiv lässt sich da doch schon einiges sagen. Auch der Bildautor wird sich dann dahingehend äussern, dass das Bild den interesselosen Blick des durstigen Wanderers thematisiert und die Art der Gestaltung durch ihren Grad an Authentizität geradezu ein neues Zeitalter der Straigth-Fotografie einläutet. Wie konnte solche Genialität übersehen werden?

So gehen wir also weiter zur nächsten Kritik-Ebene, wir äussern uns zu den Inhalten und schreiben fortan schönes Motiv – wohlbemerkt, nicht Bild – dies könnte ja schon fast irrtümlich als eine Aussage zum Gezeigten missinterpretiert werden, was wir ja geflissentlich verhindern wollen. Somit müssen wir auch anerkennen, dass all diese kurzsilbigen Kommentare nicht den Ausdruck eines Fotografen in den eigenen Anfängen darstellen, sondern denjenigen eines Kritikers mit reichem Erfahrungsschatz.

Das Unternehmen Bildkritik scheint schon von Anfang an nicht aussichtreich und wir sollten es in Zukunft unterlassen. Oder wir untersuchen den unbefriedigenden Vorgang etwas genauer um Wege abzuleiten, deren Verläufe erfolgversprechender erscheinen. Darum möchte ich hier in der nächsten Zeit ein paar unzusammenhängende Artikel mit Gedanken zum Thema Bildkritik, Bildbesprechung und Fotoportalen äussern.

Gruss
Andreas