Die Welt ist ein Zirkus

Die Welt ist ein Zirkus. Zumeist spielen wir mit ohne uns des Spiels bewusst zu sein, gelegentlich tritt das Theater jedoch derart verzerrt hervor dass wir nicht umhin kommen, es zu erkennen.

Zwei Junge – Berufsschüler nehme ich an –  unterhalten sich, offenbar hatten sie eine Mathearbeit, welche nicht zur Zufriedenheit des Lehrers ausfiel. Plötzlich meint der eine:

Ach scheiss darauf, meine Mutter die geile Sau war auch ne Null in Mathe.

Ok, denk ich mir, es hat scheinbar gereicht um schwanger zu werden.

Irgendein Regisseur hatte den komischen Einfall, vom Publikum gleichzeitig auch die Rollen spielen zu lassen – notabene ohne ihm ein Skript auszuhändigen oder Rollen klar zuzuweisen – entsprechend unsicher torkeln sie dann auch durch die Geschichte. Gespielt wird eine Tragödie.

Dazu fällt mir auch das Sprichwort ein: Aus der Not eine Jugend machen.

Gruss
Andreas

Politische Subkultur

Ich bin gerade fasziniert, wie das grafische Mittel der Sprühschablone in Deutschland von der Politik aufgegriffen wird – schön zu sehen in einem Bild auf Flickr: Bundesparteitag der SPD am 14.06.2009.
Da wird offensichtlich eine Bildsprache, welche aus den Protesten gegen Zensursula und Stasi 2.0 kommt von einer grossen Partei nachgeahmt.

Im Artikel zum Thema Subkultur hatte ich geschrieben: Der Kontext spielt bei der Dekodierung der Botschaft eine bedeutende Rolle: Ein den Graffiti entlehntes grafisches Zeichen auf einer Müslipackung ist weder aufregend noch gefährlich oder subversiv und mit der Authentizität ist es auch nicht weit her.

Ich hätte nicht gedacht, dass diese Aussagen so zeitnah und so genau passen würde. Nun ja, gefährlich könnte das ganze schon werden, aber nur für die Bürgerrechte.

Update: Das mit den Bürgerrechten hat sich jetzt ja wohl erledigt.

Gruss
Andreas

Unbeholfene, überbelichtete Bilder

Über folgenden Text bin ich gestolpert:

After wasting an afternoon taking pictures of a broken tricycle, moss on trees, and the shadow of a wrought-iron fence, Churchill Alternative High School senior Jessica Ivers falsely informed family and friends Saturday that she was getting into photography. “I love the way real film looks,” said Ivers, who has owned the old single-lens reflex 35 millimeter camera for exactly one week, and named as her favorite photographers “probably Diane Arbus” and the French guy who took the picture of the boy with the wine bottle. “I’m really fascinated by textures, and I think I’ll be able to get some good shots of my grandma’s hands this weekend.” Sources close to Ivers expect the camera to join her clarinet and yoga mat under her bed once she pays $14.85 to develop the roll of clumsy, overexposed images.

Der Text liess mich etwas ratlos zurück. Da ist der eigenartige Umstand, dass eine Nichtnachricht portiert wurde – ein etwas erweiterter Blick auf die Website zeigt, dass es sich evtl. um Satire handeln könnte.
Aber da ist noch etwas anderes, die Geschichte enthält ein unglückliches aber leider verbreitetes Muster – der hinterhältige Trick besteht ja bekanntermassen oftmals darin, dass Satire und Realität zu nahe beieinander liegen.

Gehen wir das Muster kurz durch:

Da sind also zwei Personen – Die erste zeigt Begeisterung, die zweite ist längst darüber hinweg.

Erzählt wird aus der Perspektive der zweiten Person: Deren Motivation sind die Bilder, nicht eine Tätigkeit,  und diese Bilder werden clumsy (unbeholfen) und overexpossed sein. Der Erzähler ist aufgrund der eigenen Erwartung bereits enttäuscht bevor er überhaupt Bilder gesehen hat, diese werden ihre $14.85 also nicht wert sein. Somit ist auch schon klar, dass der Nachmittag verloren war – wasting an afternoon taking pictures – welch sinnloses Unterfangen.

Auf der anderen Seite finden wir Jessica, Faszination und Tätigkeit. Sie macht einen Blick in die Zukunft und hat einen festen Glauben daran, etwas erreichen zu können, auch wenn die Blickdistanz im Artikel noch kurz und der Glaube gar konkret ist: I’ll be able to get some good shots of my grandma’s hands this weekend.

Was ist eigentlich das Thema des Textes? Es geht um nicht weniger als eine wichtigen Aspekt eines Lebensentwurfes – um die Berufswahl – um den Entscheid, ob es Berufung sein soll oder eine notwendige Tätigkeit zur Erlangung eines Einkommens – es geht um den Unterschied zwischen Lohn und Entschädigung.

Entscheidungen können aus Begeisterung getätigt werden oder aber auch aus einer zynischen Weltsicht – in diesem Fall nicht in Personalunion. Die erzählende Person weiss wie es kommen muss – das Ganze ist ja nicht neu, wie die Beispiele von Klarinette und Yogamatte zeigen. Der Erzähler wird durch seine Erwartung die Geschehnisse steuern, dadurch erhält das Ganze dann auch den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Dass es so sein wird steht schon klar im Text: falsely informed family and friends Saturday that she was getting into photography. Vermutlich war diese Methodik schon erfolgreich beteiligt als die Klarinette und die Yogamatte den Weg unter das Bett fanden – wobei die Yogamatte ja noch zu verschmerzen wäre.

Die Frage die ich mir jeweils stelle wenn ich morgens gelegentlich Gespräche von Leuten auf dem Arbeitsweg mit verfolge: bei deren Arbeit ist nichts übrig geblieben was Sinn stiften könnte, welche Begeisterungen wurden wohl bei denen schon frühzeitig totgeschlagen?

Gruss
Andreas

P.S. Wenn sie also in Zukunft in einem Fotoforum ein hoffnungsvolles, zartes Foto-Pflänzchen antreffen, welches mit Begeisterung das erste Licht erblickt – so seien sie bitte einfühlsam und lassen die Begeisterung leben – die Welt würde nicht schlechter dadurch.