Wie wende ich „Punkt und Linie“ in der Fotografie an?

Aus einem Email:

Was mir noch nicht klar ist, wie mir das alles in der Fotografie weiter hilft. […]
Würde ich an visueller Agnosie leiden, würde ich nicht Menschen auf dem Trottoir gehen sehen, sondern Striche. Auf der Strasse würde ich nicht Autos und Busse sehen, sondern dicke und grosse Flecken. Aber das ist bei mir zum Glück nicht der Fall.

Um es direkt zu sagen: Ich weiss selbst nicht genau, wie das Wissen um die Gestaltung praktisch angewandt wird. Persönlich gestalte ich kaum je ein Bild indem ich Gestaltungswissen bewusst abrufe und abarbeite, ich habe diesbezüglich keine ausformulierte Checkliste. Trotzdem bin der Überzeugung, dass das Wissen um die Gestaltung mich beeinflusst.

Harals Mante sagt dazu:

Das Wissen um die Gestaltungsmittel sollte total verinnerlicht sein und bei der praktischen Arbeit aus dem Unterbewusstsein, also sozusagen „aus dem Bauch heraus“ Einfluss nehmen.

Die Frage kann also auch lauten: Wie kommt das Wissen in den Bauch?

Ein paar Gedanken:

  • Wenn wir einen einzelnen Aspekt der Gestaltung hervorheben und ihn bei Lichte betrachten, so mag er uns in der Tat sinnbefreit erscheinen. Innerhalb des Gefüges „Gestaltung“ nimmt das Element jedoch eine Funktion war, gleichermassen wie Zahnräder alleine auch nicht viel bewirken und erst innerhalb eines Uhrwerkes ihren Sinn erhalten.
  • Punkt und Linie sind daher auch nur zwei Elemente unter vielen, welche wir ordnen mit dem Ziel, einen Überblick zum Thema Gestaltung zu erhalten.
  • Haben wir eine minimale Ordnung geschaffen, so beginnen wir damit zu spielen. Wir probieren aus, was innerhalb dieser errichteten Ordnung möglich ist. Wir sind jetzt also da angelangt, wo der abgeklärte Gestalter uns erklärt, Regeln seien zum Brechen da.
  • Um mit der Gestaltung zu spielen müssen wir imstande sein, uns unser Bild zu denken, oft spricht man von Prävisualisierung.

Wir sollten also etwas vorhersehen: Vorerst ist zu erkennen, welche Motive sich für eine Aufgabe lohnen. Sobald wir das potentielle Motiv durch den Sucher betrachten beginnt die Gestaltung: Ich verwende dafür gerne den Begriff „das Bild aufräumen“, Ordnung machen in der Bildfläche. Wir müssen also das im Motiv enthaltene potentielle Bild sehen. Dies ist durchaus ein aktiver Vorgang, auch wenn er nicht analytisch durchgeführt wird. Wir bewerten das Sucherbild, erkennen was gut ist und welche Möglichkeiten zur Optimierung bestehen. Wir gestalten Grössenverhältnisse, Einteilungen und Proportionen, Farbverhältnisse und Tonwerte. Aber auch: findet sich zuviel oder zuwenig im Bild, kann ich ein zusätzliches Element aus- oder einschliessen, anschneiden, überschneiden.

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Karen Ostertag schreibt in ihrem Buch „Fotokomposition“ von einem vermittelbaren Sehtraining:

Das Sehtraining selbst, ist einmal der Einstieg gefunden, ist ein Prozess, der lebenslänglich andauert. Er unterliegt einer unbemerkten Verselbständigung, so dass seine Entwicklung später beinahe unbeeinflussbar fortdauert.

Diese Verselbständigung durch Interesse, Übung und Experiment dürfte der Vorgang sein, welcher im Laufe der Zeit einen Teil des Gestaltungswissens in unserem Bauch respektive Unterbewusstsein verankert. Verankern wird sich was funktioniert, dies wird man immer wieder anwenden, aber auch was nicht erfolgsversprechend ist, dies wird man künftig meiden. Daraus entwickelt sich wohl zusehends auch ein eigener fotografischer Stil.

Noch ein paar Worte zum Überblick betreffend Bildgestaltung. Bildgestaltung kennt mehrere Baustellen:

  • Auf der Ebene der Wahrnehmung gestalten wir das Bild so, dass es unserer Wahrnehmung entgegenkommt. Stichworte dazu ist all dies worauf Bildgestaltung oftmals gerne reduziert wird: Farbe, Grösse, Kontrast, Klarheit, Prägnanz. Dies ist die Kategorie worin auch Punkt und Linie zu finden ist.
  • Auf der Ebene der Information übermitteln wir einen Inhalt.
  • Und nicht selten möchten wir auch, dass der Betrachter von unserer Message ergriffen wird oder sie ihn zum Handeln verleitet (z.B. kauf mich!). Wir stochern gestalterisch also auch in den Emotionen des Betrachters herum.

So gesehen, Punkt und Linie bringen uns fotografisch noch nicht viel, unmittelbar und direkt anwenden tun wir sie vermutlich auch nicht, aber sie sind immerhin ein guter Anfang einer wünschenswerten Entwicklung.

Gruss
Andreas

Technik und Kreativität

Eine spezielle Untermenge der Gesamtheit schlechter Bilder sind die inspirierten Aufnahmen, welche ein Opfer ungenügender oder fehlerhafter Ausarbeitung wurden. Spricht man die Fotografen auf diesen Umstand an, so kriegt man gelegentlich ein Zitat von Andreas Feiniger als Antwort:

Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmässig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht. (Andreas Feininger, Feiningers grosse Fotolehre, 1979)

Da werden zwei Optionen suggeriert, perfekt langweilig und schludrig interessant, wo überhaupt nichts zu wählen ist. Man darf sich glücklich schätzen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht Andreas Feiniger gegenüber zu stehen, Feiniger war nämlich durchaus ein Perfektionist.

Technik ist eine reine Fleisssache – sie besteht, man kann sie lernen, sie ist unmittelbar erfahrbar und sie erfordert keine speziellen Fähigkeiten. „Technisch“ gesehen ist jeder imstande zu fotografieren.
Und das Beste: es gibt nicht im eigentlichen Sinne eine richtige Lösung – allerdings durchaus einige falsche.

Im meinen Augen ist es gerade diese Verbindung von Kreativität und Technik, welche die Fotografie als Beschäftigung reizvoll werden lässt. Interessanterweise haben diese zwei Teile auch das Potential sich zu verselbstständigen, man konzentriert sich auf einen Aspekt und vernachlässigt den anderen.

Gruss
Andreas

Wenn wir wissen warum wir fotografieren …

Betreffend der letzten beiden Postings zur Bildgestaltung fielen viele Worte. Die Frage tauchte auf:

Wenn wir wissen „Warum“ wir fotografieren, wissen wir dann auch „Wie“ wir Fotografieren müssen?

Es ist eine Frage nach der Motivation, gleich wir auch der Kriminalist nach dem Motiv fragt. Anhand eines Beispiels: In den Kommentaren wurden Hochzeitsbilder angesprochen.

Weshalb fotografieren wir eine Hochzeit? Weil diejenigen, welche heiraten, Hochzeitsbilder wollen.
Wie fotografieren wir? Möglichst so, dass die Bilder als Beleg für eine gelungene Hochzeit dienen, dass die anwesenden Personen sich erkennen. Die Bilder haben also einen Zweck.
Auch nach den Zeichen wurde gefragt. Sicher mal die ganzen Rituale, das übliche im Rahmen der Hochzeitsfotografie und dann alles danach.
Aber es gibt ein viel subtileres Zeichen. Ich hatte mal die Gelegenheit, einen Vortrag des Hochzeitfotografen Jeff Ascough mitverfolgen zu dürfen. Er sprach vorallem sehr viel über Licht. Sinnigerweise gehört Licht und Kirche zusammen – und so nehmen wir also Licht in Form des farbenen Kirchenfenster in den unscharfen Hintergrund des Bildes. Wenn wir jetzt die Bilder von Jeff Ascough betrachten fällt uns das Licht überall auf.

Gruss
Andreas

Bilder nehmen …

never have taken a picture I’ve intended. They’re always better or worse. (Diane Arbus)

Wie lernen wir Bildgestaltung? war die Ausgangsfrage beim letzten Posting – Die Bildgestaltung kann aus unterschiedlicher Perspektive wahrgenommen werden, in den Kommentaren zu besagtem Posting wird – bildlich gesprochen – um das Bild herumgestanden und die Sicht aus unterschiedlicher Richtung präsentiert.

Die Frage die sich für mich stellt: Sind die Ansichten kompatibel – und falls ja, ergibt sich daraus eine Gesamtsicht?

Hier möchte ich vorerst auf zwei Punkte eingehen, welche meiner Meinung nach miteinander verknüpft sind.

Eine Ansicht ist diese: Für den nicht inszenierenden Fotografen ist das Bild durch die Realität bereits gestaltet, es eröffnen sich genau die beiden Möglichkeiten Bild nehmen resp. sein lassen. Hierin liegt eine Differenz zwischen Malern und Fotografen. Während der Maler die Realität nicht so braucht wie er sie ins Bild malt, ist der Fotograf angewissen auf ein exaktes Motiv, zumindest wenn man davon ausgeht, dass er nicht nachträglich am Bild herummontieren will (was dann wiederum eher der Malerei entsprechen würde).

Ein weiterer Einwand: Beim Blick durch den Sucher eröffnen sich dem Blick nicht geometrisch abstrakte Linien, Formen und Punkte, sondern reale Köpfe, Bäume oder was auch immer – sie wissen was gemeint ist.

Die beiden Argumente vereinen sich in diesem Satz:

Was, wenn ich herausfinde, dass ich zwei Menschen – gedacht als Punkte – gar nicht frei Anordnen kann, weil meine Kamera keinen Mensch-Move-Knopf hat?

Eine berechtigte Frage – sollten wir da nicht alle die Sinnlosigkeit unserer Tätigkeit einsehen und das Fotografieren einstellen? Was sie vorhaben weiss ich nicht – für meine Person kann ich sagen, dass ich gelernt habe sinnlose Tätigkeiten zu schätzen (auch in Anbetracht dessen was uns oftmals als sinnvoll vorgestellt wird).

Es ist natürlich richtig dass alles schon arrangiert ist und wir die Bilder nur nehmen. Die Welt ist eine grosse Szenerie und der Fotograf entnimmt ihr kleine Ausschnitte als Bilder. Der kreative Vorgang ist deshalb auch eher eine Bildauswahl als eine Bildgestaltung. Der Fotograf malt nicht, er wählt aus, reduziert, räumt auf. Der Vorgang reduziert sich auch nicht auf die Zeit vor dem Auslösen – er beginnt vor dem Blick durch den Sucher, geht über das Auslösen hinweg zum nächsten Bild und hört nicht auf wenn die Kamera weggelegt wird. Das anschliessende Sortieren der Bilder gehört dazu.
Zuerst will das Motiv als potentielles Bild erkannt werden – in vielen Fällen schreit das Motiv nicht und der Fotograf muss es selbst erkennen – es gibt hier natürlich Ausnahmen (Wegweiser: Photo Look Out). Ist es klein genug kann sich der Fotograf um das Motiv herumbewegen, es aus unterschiedlichster Perspektive betrachten – durch den Sucher betrachten – weiter weg oder näher hingehen, die Schärfe und deren Tiefe festlegen und den Bildwinkel ändern. Derart tastet sich der Fotograf an das Bild heran – sein Näherkommen wird er intuitiv fühlen. Dann ist das Bild fast da, jetzt wird noch verfeinert. Hier kommt meines Erachtens nach die klassische „Bildgestaltung“ ins Spiel. Sobald man sich auf sie achtet sind plötzlich all deren Aspekte da. Hier kriegt die Gestaltung einen handwerklichen Touch. Die Linien werden gerichtet, nochmals auf störende Elemente geachtet, der genaue Auschnitt bestimmt.

Eines der wirkungsvollsten Mittel um Bilder nachträglich zu verbessern ist dann auch der Bildausschnitt – er macht fertig was wir bei der Aufnahme zuwenig genau abgewogen hatten. Den Standort können wir derart zwar nicht mehr ändern, mehr zeigen geht auch nicht mehr, aber erfahrungsgemäss wird eher zuviel mitfotografiert als zuwenig.

Das andere nachträgliche Gestaltungsmittel ist die Selektion. Hier besteht nochmals die Gelegenheit zu entscheiden, welchen Teil wir stellvertretend für das Ganze stehen lassen wollen.

Gruss
Andreas

Fotografieren mit oder trotz Regeln?

Wie wendet man Kompositionsregeln beim Fotografieren an? Diese dürfte immer dann eine zentrale Fragen sein wenn Bücher oder Webseiten zum Thema Bildgestaltung gelesen werden.
Wenn ich mir das eigene diesbezügliche Vorgehen beim Fotografieren überlege komme ich zum Schluss, dass ich diese Regeln beim Fotografieren nicht im eigentlichen Sinne anwende. Ihren Nutzen entwickeln diese Kompositionsregeln eher indem ich über sie nachdenkte wenn ich nicht am Fotografieren bin, mir jedoch von den einzelnen Fragestellungen dies sich dazu ergeben versuche einen Begriff zu machen.

Ein paar Kurzgedanken dazu:

  • Um über eine Sache nachzudenken muss man sich dazu einen Begriff machen, resp. davon einen Begriff haben.
  • Es lässt sich nicht denken wovon man keinen Begriff hat.
  • Der gemachte Begriff stellt eine Abstrahierung dar. Wird der Begriff verwendet, so stehen dahinter jeweils das ganze Set einzelner Bedeutungen, welches zu eben diesem Begriff führte und fortan zusammen diesen Begriff ausmacht.
  • Die Sprache entscheidet somit, wie und worüber wir denken.

Ein Beispiel um diese zu verdeutlichen: Ich hatte mal einen Chef, welcher gerne mit Kunden ins Labor kam und jeweils die Aufgabe stellte: „Erklären sie in einem Satz was sie hier machen“. Diese Aufgabe konnte meinerseits auf zwei Arten nicht erfüllt werden:

  • Die erste Möglichkeit bestand in der Verwendeung von Fachbegriffen, bekanntlich lassen sich mit den richtigen Begriffen auch komplexere Zusammenhänge in einfachen Sätzen darstellen. Das Problem bestand darin, das Fachbegriff mit der fachgebietspezifischen Art des Denkens verknüpft sind und deshalb nur innerhalb des Fachgebiets verstanden werden.
  • Die andere Möglichkeit des Misserfolgs bestand darin, die notwendigen Zusammenhänge in der Antwort ebenfalls kurz anklingen zu lassen und dadurch den vorgegebenen Rahmen zu sprengen.
  • Was der Chef nie erfuhr: Es gab noch eine dritte Art, die Aufgabe nicht zu erfüllen. Ich verwendete jeweils Begriffe aus seiner Begriffswelt – er glaubte dann unter dem gesagten etwas zu verstehen und zog anschliessend weiter. Was im Labor vor sich ging erfuhr er nie.

Abstrahierungen wohnt die Gefahr inne, dass man das individuelle in ihnen vergisst und der Begriff sich von der realen Welt absetzt und verselbstständigt. Dies kann unbeabsichtigt geschehen, kann aber auch beabsichtigt sein, bei politisch korrekten Begriffen zum Beispiel, oder zur Vertuschung der wahren Verhältnisse (wie z.B. beim Begriff „Kollateralschaden“). Dies sind dann die unglücklichen Momente, wenn wir nicht mehr verstanden werden – siehe Finanzbranche – oder eine Theorie nicht mehr in Praxis umsetzen können – z.B. bei der fotografischen Bildgestaltung.

Zurück zur Fotografie also. Nehmen wir als Beispiel die ausgelutschteste aller Regeln, den goldenen Schnitt. Anwenden bedeutet in diesem Falle, irgendeinen Punkt im Motiv zu wählen und diesen irgendwo innerhalb des Bildes zu plazieren, dass sich irgendwelche Verhältnissen im goldenen Schnitt einstellen. Dies ist doch recht unspezifisch – es wird gleich noch unspezifischer wenn wir uns die Alternative offenhalten, den Punkt nicht nach diesen Verhältnissen zu plazieren. Wir können uns daran halten oder eben nicht – so gesehen gibt die Regel genau gar nichts vor. Der Verdienst dieser Regel besteht darin, dass sie einen Begriff als Einfallstor zu einem Fragenkomplex betreffend der Einteilung der Bildfläche, resp. zu geometrischen Verhältnissen innerhalb des Bildes liefert.

So gesehen: Der Aufbau des Fotografen erfolgt parallel mit dem Aufbau von fotografischen Begriffen, zu welchen der Fotograf sich Gedanken macht. Der erste Begriff mag vielleicht „Schärfe“ sein – fortan gibt er sich Mühe ein scharfes Bild zu erzielen. Bei Porträts wird der Kopf aber weiterhin in der Mitte des Bildes zu liegen kommen, weil der Fotograf sich dazu noch keinen Gedanken macht. Später wird er aufmerksam auf die Bildeinteilung, beginnt auf die Höhe des Horizontes zu achten – gleichzeitig wird er diesen auch gleich gerade ausrichten – und das Gesicht im Bild wird erstmals gezielt plaziert. Dies bedeutet jetzt nicht, dass das Gesicht nicht in der Mitte des Bildes sein wird, aber falls dem so ist wurde es vom Fotografen so plaziert während es zuvor nur dort zu liegen kam.

So führt jeder Begriff zur Bildgestaltung zu einem zusätzlichen Element. Der Fotograf wird diese Elemente intuitiv anwenden, so wie er eine Sprache spricht ohne andauernd deren Grammatik in Gedanken zu verfolgen. Jeder gestalterische Begriff wird so zu einem Wort im gestalterischen Wortschatz. Gleichermassen wie wir beim Sprechen auch nicht versuchen jedes uns bekannte Wort möglichst zu verwenden, wenden wir für die Gestaltung eines Bildes diejenigen Elemente an, welche sich im Bildgefüge als passend erweisen und erkennen, wenn sich ein ungewolltes Element einschleicht.

Gruss
Andreas

Entschleunigen

Aus dem Gästebuch:

Kleiner Nachschlag meinerseits was das Technische betrifft. Du hast in einem Beitrag geschrieben das falls man einmal in einer Schaffenskrise steckt – dem Drang zur Neuanschaffung einer anderen Kameraausrüstung unbedingt abzuraten ist. Das kann ich so nicht unterschreiben.
Nun – jetzt im etwas „gereifteren“ Alter, da ich die Phase der „technischen“ Faszination schon überwunden habe darf ich wohl diese Weisheit weitertragen. Eine Veränderung zb. durch Formatwechsel bringt auch eine Umstellung der Arbeitsweise mit sich. Gerade im „digitalen“ Zeitalter kann eine „Entschleunigung“ durch weitaus aufwändigere Fotografie im Mittel.- oder Grossformat wahre Wunder bewirken. Man fängt plötzlich an viel bewusster über Licht, Komposition und Schärfe nachzudenken wenn einem die Werkzeugpalette des „Photoshop“ nicht mehr zu Verfügung steht. Und – nach Jahren der Digitalen Fotografie bedingt durch berufliche Zwänge fühlt sich eine analoge 30 Jahre alte Hasselblad bestückt mit einem Schwarz-Weiss-Film irgendwie unglaublich sexy an.

Entschleunigung, da ist es wieder dieses eigenartig neue Wort, diese Zusammenfassung von Sehnsüchten.

Vorserst möchte ich vorausschicken, dem Eintrag im Gästebuch kann ich folgen, fast würde ich sagen, ich seh es ähnlich.

Beginnen möchte ich jedoch beim Konsum, ein zwar schon etwas betagterer Begriff, welcher ein neues Leben begann, indem Shoping zu Livestyle umdefiniert wurde.
In oben erwähntem Beitrag geht es schlussendlich auch um Shoping – die Idee etwas zu kaufen um ein unangenehmes Gefühl loszuwerden – Sinnsuche durch Geldausgabe.
Wir sprechen von Konsum wenn wir etwas kaufen, z.B. eine neue Kamera, langbrennweitige lichtstarke Objektive, eine Blitzanlage oder ein wackliges Stativ. Aus Konsum wird konsumieren und damit eine Tätigkeit, aber eigentlich haben wir nur Geld ausgegeben. Ist dies der Konsum? Besteht Konsum im eigentlichen Sinne nicht eher im Aufbrauchen von Gegenständen? In dem Sinne: Schuhe werden durch laufen konsumiert. Sind die Sohlen abgetragen und die Schuhe dadurch zum Laufen untauglich, dann haben wir sie konsumiert. Durch den Kauf wird also höchstens unser Geld konsumiert, was soweit allerdings noch keine überragende Leistung darstellt und entsprechend wenig Begeisterung auslösen sollte.

Indem wir uns aber fortan mit der erworbenen Fotoausrüstung beschäftigen beginnt der Konsum in obigem Sinne erst und was beginnt dauert bekanntlich. Konsum benötig also Zeit.
Könnte es sein, das dieses „Zeit benötigen“ mit der öminösen Entschleunigung etwas zu tun hat. Aus Amateursicht ist „sich damit beschäftigen“ wohl der zentrale Inhalt der Geschichte – und wohl auch der Kern des oben erwähnten Gästebuch-Eintrages, wofür ich mich bedanken möchte.

Gruss
Andreas

Ein zentraler Knoten

Das Thema konstruktive Kritik entwickelt sich. Ein Gesprächsfaden von Andreas Allgeyer ist hinzugekommen, unsere Basis scheint mir ähnlich zu liegen, worin wir uns evtl. unterscheiden ist die Blickrichtung. Ich bin gespannt wohin es jetzt führt.

Ich versuch mal, auf einen einzelnen Punkt abzustützen:

Ich hatte einst versucht mich dem Thema ernsthaft und teilweise zurückhaltend anzunähern, in dem ich zu beweisen suchte, das es innerhalb so grosser Menschenansammlungen wie die heutigen Communities keine konstruktive Kritik in dem gewünschten Sinn geben kann. Ich scheiterte fruchtlos. Dieser geflügelte, kaum reflektierte Begriff ist nicht ab zu schaffen. Obwohl er es wert wäre.

Meines Erachtens nach ist der gewünschte Sinn der zentrale Knoten des Begriffs.

Fotografie ist eine raffinierte Mischung aus Technik und Kreativität.

Technik ist für jeden grundsätzlich lernbar, eine reine Fleissaufgabe, es existieren dafür klar definierte Begriffe und nicht zuletzt ist sie manifest als Artefakt, als Kamera, Objektiv, oder etwas abstrakter, als Marke. Über Technik lässt sich deshalb auch wunderbar diskutieren. Konstruktiv oder nicht sei dahingestellt, aber die Foren quellen über von Diskussionen zum Thema Welches Objektiv, Wieviele Megapixel oder Hilfe, mein Sensor rauscht. Das schöne daran: Technik macht Fortschritte, auch wenn wir in unserer persönlichen Entwicklung keine machen.

Im Vergleich dazu ist Kreativität schwammig. Zwar gibt es auch hier ein paar gern verwendete Begriffe – ich denke etwa an Goldener Schnitt oder Komplementärkontrast (Begriffe, welche mich immer vorsichtig werden lassen) – zumindest gefühlsmässig ist aber jedem klar, dass diese am Kern der Sache vorbeizielen, für mich persönlich zählen sie auch eher zur Technik, gerade weil sie oft und gerne mit Regelcharakter verstanden werden. Somit stehen wir mit dem Thema Kreativität vor dem Berg und jeder hofft, der andere möge endlich den lange ersehnten und einleuchtenden Ansatz bringen. In dieser Unfähigkeit wurzelt die Thematik um konstruktive Kritik.

Wenn Kreativität schon nicht diskutierbar ist, ist sie dann wenigsten erkennbar? Die besten Bilder gehören in die Galerie, doch was finden wir dort, Bilder von Eichhörnchen und Libellen sowie Landschaftsbilder – evtl. noch ein paar klassische Porträts. So hatte man sich dies nicht vorgestellt. Um die Wahl erfolgreich zu überstehen müssen die Galeriebilder einschneidenden Anforderungen genügen. Es reicht nicht, ein technisch mustergültiges Werk abzuliefern, das Bild darf auch keine anspruchsvolle Stellungsnahme erfordern und ein Thema, an welchem jemand Anstoss nehmen könnte ist chancenlos. Ich könnte mir vorstellen, dass sich diese Bilder gut verkaufen liessen, als Postkarte, nicht als Kunst. Diese Bilder dürfen wir deshalb als erfolgreich betrachten weil sie beim Betrachter problemlos ankommen, das ist immerhin schon einiges. Mit einem Anspruch auf Anerkennung als Kunst hingegen gibt es bei Mehrheitsentscheiden kein durchzukommen – solche Bilder stellen sie bitte zu ihren persönlichen Favoriten, welche sie als ihre persönliche Galerie verstehen dürfen. Ergo ist auch in der Galerie die erwünschte Erleuchtung nicht abzuholen und die Diskussionen zur Galerie gleichen deshalb im Tonfall auffällig denjenigen zur konstruktiven Kritik.

Solange das Thema als vorgespurter Weg verstanden wird, den man uns verweigert, lässt sich das Problem nicht lösen, auch nicht wenn man sich abspaltet und kleinere Communities gründet, nicht wenn man Knipser und Kleingeister ausschliesst, nicht wenn man sich auf Fineart beschränkt.

Das Problem lässt sich nur lösen wenn man die eigene Energie nicht in unbefriedigenden Diskussionen verpuffen lässt.

Wenn man Communities versteht als Dorfplatz, wie ich dies zu Beginn der Diskussion zu diesem Thema tat, bevölkert mit unterschiedlichsten Talenten, wenn man beobachtet, wertet, aussortiert, ausprobiert, zuhört, mitdiskutiert, über den Tellerrand schaut, dann ist da durchaus einiges zu holen, allerdings ist es eher ein diy-Angebot, welches man sich selbst zusammenstellen muss. Die Community in diesem Sinne ist nur ein für vieles offenes Umfeld, das man sich selbst förderlich einrichtet. Entsprechend findet man dann auch eine fast beliebige Anzahl kleiner Seilschaften, welche unterschiedliche Herangehensweisen pflegen.
Meine eigene fotografische Entwicklung ist stark beeinflusst von Personen, welche ich derart kennengelernt habe. Wir haben uns ausgetauscht, Bilder rumgereicht, diskutiert. Der Begriff konstruktive Kritik ist dabei wohl kaum gefallen (resp. nur in gelegentlichen Metadiskussionen wie jetzt), zumindest dem aufbauenden Sinn der gewünschten konstruktiven Kritik dürfte dies trotzdem nahe gekommen sein.
Gelegentlich leistet man sich dann sogar eine spezifische Kritik: Eine Person, welche ich schon eine Weile kannte, hatte immer recht schöne Stillleben gemacht, arrangiert, an ein Fenster gerückt mit natürlichem Licht. Plötzlich schlich sich in das Setup zur Beleuchtung eine Sparlampe mit ihrem grünstichigem Licht ein, das war insofern praktisch, als sich die Aufnahmen jetzt jederzeit auch ohne Tageslicht machen liessen. Ich hatte mich dahingehend geäussert, dass ich dies als Rückschritt empfände. Die Kritik brachte die Person im wahrsten Sinne des Wortes weiter, sie tratt aus dem Klub aus.

Gruss
Andreas

Ein Ansatz zu konstruktiver Kritik

Kritik anbringen bedeutet nichts anderes, als sich mit vorgefundenem etwas vertiefter beschäftigen als wir dies ansonsten täten. Konstruktive im Sinne von weiterbringende Kritik ist also auch diejenige, welche man selbst verfasst, darin sehe ich den eigentlichen Nutzen von Fotoplattformen. In diesem Zusammenhang möchte ich offen lassen, ob die Kritik dann auch veröffentlicht wird, die Sache ist für uns somit (abgesehen vom Zeitaufwand) weitgehend gefahrlos.

Beginnen wir mit einer Auswahl:

  • Welche Bilder fallen (mir) auf,
  • welche gefallen mir, welche nicht?
  • Welche Bilder würde ich gerne selbst machen?

Nicht ein Bild suchen wir um dieses dann analytisch zu zer- und erlegen, der erste Schritt ist mehr eine Orientierung im Bildermeer, die Anlage einer virtuellen Fotoschachtel. Dabei werden auch einzelne Fotografen resp. deren Bilder als Werk ins Blickfeld rücken – und damit fotografische Stile. Ich verstehe dies in ähnlichem Sinne, wie man „früher“ in Bibliotheken Bildbände aus dem Regal zog und wieder zurücklegte, resp. einige dann eben nicht, weil man sich inspiriert fühlte und sie sich zuhause nochmals in Ruhe ansehen wollte.
Ich tat dies jeweils in der Bibliothek zu einer Zeit, als es das Internet zwar schon gab, aber weitgehend noch ohne Fotocommunities – diese Tätigkeit ist also nicht zwingend ans Web gebunden, sondern nur an eine genügend grosse Ansammlung unterschiedlicher Bilder, wobei ich stillschweigend davon ausgehen, dass die statistische Verteilung in einem genügend grossen Haufen auch ein paar Perlen hinterlegt.

Für den nächsten Schritt hin zu konstruktiver Kritik bieten sich dann verschiedene Schärfengrade an:

  • Man kann an diesen Bildern irgendwas herumanalysieren. Fein, keine falsche Scheu, ihre analytischen Fähigkeiten werden dadurch sicher besser. Dieses emsige Treiben hat den Nachteil, dass es zur eigenen fotgrafischen Tätigkeit keinen wesentlichen Bezug hat.
  • Die Einschläge kommen bereits deutlich näher, wenn wir uns fragen, weshalb die gesammelten Bilder besser sind als die unseren – immer noch analytisch.
  • Kommen wir zur richtigen Kritik, welche meiner Meinung nach immer auch eine Handlungsprämise enthalten muss, dann lautet die Fragestellung: Was muss ich unternehmen, damit meine Bilder auch so gut werden.

Die konstruktive Kritik lautet dann:

  • Nimm dir mehr Zeit, gute Landschaftsbilder brauchen das richtige Licht, den richtigen Moment. Beginne zu planen, halte dich daran, steh genügend früh auf.
  • Für Porträtfotografie: Nimm dir Zeit mit Menschen zu sprechen statt sie nur heimlich abzulichten.
  • Nimm die Kamera für Streetfotografie immer mit. Lass das lange Tele und das Ultraweitwinkelobjektiv zuhause. Nimm mit Personen Kontakt auf.
  • Und vor allem: Lerne endlich mit den verhassten Blitzgerät subtil umzugehen.

Noch was: Im vorangehenden Artikel hatte ich geschrieben, das der Kritiker erwartet, dass man ihm zuhört, ihn ernst nimmt. Aber so direkt wollten wir es eventuell gar nicht haben

Gruss
Andreas

Wie konstruktive Kritik nicht entsteht

Nach dem letzten Artikel – und der Anmerkung von Andreas Allgeyer – dürften wir davon ausgehen, dass der Begriff Foto für eine Fotocommunity zwar ein thematisches Band darstellt, es sich dabei aber um ein weites Feld handelt (frei nach Fontane).

Eine Fotocommunity ist kein Ort, an welchem sich tiefsinnige Kritik zu unseren Bildern automatisch einstellt. Die meisten Fotografen sind auch nicht viel erfahrener als wir und erwarten ihrerseits Kritik. Es gibt in diesem Sinne keine eigentlichen Mentoren. Hierin liegt der Unterschied zwischen einer Plattform und einer Beratung.

Ein Kritiker stellt sich nicht einfach ein, sondern muss gesucht und beauftragt werden. Dafür erwartet der Kritiker, dass man ihm dann auch zuzuhört. Die oft langen Antwortzeiten auf geschriebene Anmerkungen zu Bildern, falls es überhaupt zu einer Reaktion kommt, sind der Diskussion nicht unbedingt förderlich.

Jede Kritik ist ein Dialog. Zuerst muss das Thema geklärt werden, kritisieren lassen sich unterschiedlichste Dinge: Ich kann auf die Technik eingehen, auf die Gestaltung, auf das Thema und die Bildidee, oder auch den Businessplan eines Fotografen hinterfragen.

Am schlechtesten kritisieren lässt sich ein einzelnes Bild ohne weitere Angaben:

  • Der Autor ist uns im allgemeinen nicht bekannt, ebenso seine Ansichten zur Fotografie.
  • Meistens hat er sich zum Bild nicht oder noch nicht geäussert.
  • Zudem gibt es von der Aufnahme keine Alternativen zu sehen
  • und die Aufnahmesituation ist unbekannt.
  • Es ist unbekannt, welche Art von Kritik erwartet wird, falls überhaupt.

Ein solches Bild ist gegeben, wir können es nur noch in Aspekten ändern, welche die Bildbearbeitung nach der Aufnahmen betreffen. Dies stellt den Normalfall dar.

Was geschieht in solchen Fällen? Eventuell kriegt das Bild ein paar Anmerkungen, nur einige beziehen sich auf das Bild, geben aber auch nur eine gut/schlecht-Meinung wieder ohne diese weiter zu spezifizieren oder zu begründen. Ringt man sich zu einer Kritik durch, so wird sie von nächsten Anmerker relativiert. So sieht konstruktive Kritik nicht aus.

Ich denke, die Floskel „Konstruktive Kritik“ badarf einer Umgestaltung, wir müssen anders vorgehen …

Gruss
Andreas

Wer ist alles auch hier?

Fotoportale betrachte ich immer gerne als italienische Dorfplätze. Sie sind von der Sonnen beschienen und es hat viele Leute dort, man hat Zeit und kommt so ins Gespräch. Weil es aber Fotoportale sind, haben sie auch noch eine weitere Eigenschaften, welche bei Dorfplätzen nicht zwingend gegeben sind: Man geht davon aus, dass mehr oder weniger alle Personen eine Sache gemeinsam haben: Alle haben sie eine Kamera.

Ergo haben alle das gleiche Hobby, folglich denken alle diesbezüglich gleich und pure Harmonie ist unausweichlich.

Unverständlicherweise scheint die Praxis die Annahme der Gemeinsamkeit zu wiederlegen.

Alleine, schon das Hobby muss nicht das gleiche sein. Hätten alle einen Hammer, so würde der eine diesen einsetzen um antike Möbel zu restaurieren und der andere damit nachts die Öffnungszeiten des Juweliergeschäfts via Schaufenster erweitern. Jetzt sind es halt Kameras, keine Hämmer, verhalten tut es sich aber ähnlich. Was kann man mit Kameras anstellen? Eine kleine Liste, unvollständigst:

  • Man kann sich für sie interessieren,
  • damit angeben,
  • sie als Accessoires rumtragen,
  • sich damit als einer Gruppe zugehörig kennzeichnen,
  • damit Bilderrohmaterial aufnehmen um anschliessend damit zu gestalten,
  • bedeutende Augenblicke unverfälscht festhalten,
  • oder auch Aufnahmen machen um Sachverhalte zu illustrieren.
  • Und natürlich kann man Kameras auch sammeln.

Jeder Fotograf wird demzufolge seine persönliche Sicht des mit der Kamera verbundenen Hobbies rumtragen, das Wesen der Fotografie anders definieren. Folgende Kernaussagen wären wohl zu hören:

  • Es geht um das Bild
  • Es geht um den Kontext
  • Es geht um das Wesen der Fotografie
  • Es geht um den vergänglichen Moment
  • Es geht um die Kunst
  • Es geht um den Weg.

Vorallem aber, sie ahnen es bereits, wenn eine Sicht richtig ist müssen alle anderen zwangsläufig falsch sein.

Etwas detailierter werden die Antworten auf die Sinnfragen der Fotografie grob die folgenden Formen annehmen:

– Der Kern der Fotografie besteht darin, denn Moment im Bild einzufangen. Das Bild zeigt die Wirklichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einer bestimmten Perspektive … der Fotograf wählt Moment und Motiv, dem Bild ist nichts zuzufügen und nichts wegzunehmen.

– Im Zentrum des Geschehens steht das Bild, welches vom Fotografen entworfen wird. Die eigentliche Aufnahme ist nur ein notwendiger Schritt zwischen Inszenierung und Bearbeitung. Es gibt keinen Moment, welchem das Bild zu entsprechen hat.

– Eine gegenteilige Sicht der Dinge hat die Art bestimmende Fotografie. Das Motiv steht in diesem Fall nicht für sich, sondern für alle Artgleichen. Nicht das individuelle ist heraus zu arbeiten, sondern das unpersönlich typische in einer typischen Umgebung … schliesslich sollen im Bestimmungsbuch die anderen anhand des einen wieder erkannt werden. Einer für alle, wieder dem Ego des Motivs.

– Fotografie beschreibt was Worte nicht fassen können. Aufgrund dieses Vermögens ist es die moralische Pflicht der Fotografie, sich gegen Missstände zu engagieren, Bilder der Ungerechtigkeit in die Welt zu tragen damit diese empfunden wird, als Voraussetzung dafür, dass sie behoben wird.

– Der Sinn der Fotografie besteht in der Erinnerung. Mit Fotografien tragen wir unsere Vergangenheit herum, Taufe, Erstkommunion, Firmung, erste schwarze Eichenwohnwand, Hochzeit, Taufe … (weshalb fotografiert kaum jemand Begräbnisse?) und dazwischen alle Weihnacht wieder der ewig gleich verzweifelte Versuch, alle anwesenden Personen auf dem Sofa zu einem stimmungsvollen Familienbild zu arrangieren.

– Polaroid, Handyfotos, Holga und Kiev dienen uns als Pinsel. Fotografie ist Ausdrucksmöglichkeit der eigenen Persönlichkeit. Stimmungen und Verstimmungen schlagen sich in Bildern nieder mit einer Verfallzeit, welche in etwa so lange dauert wie deren Entstehung. Ich fotografiere, also bin ich. Dieses Grundmuster ist eindrücklich erkennbar im biografischen Film Dream of Life über Patti Smith.
Diese Bilder sind also kurz aufblitzende Artefakte unseres Innenlebens … und werden von Innenministern und Personalverantwortlichen grosser Firmen in geheimen Datenbanken gesammelt. Wer so sorglos mit Film umgeht ist sicher auch zu schlimmerem imstande …

– Fotografie bietet die Möglichkeit, dem hektischen Agieren und Reagieren vorübergehend zu entfliehen und in der Rolle des Betrachters einen Moment der Ruhe zu haben. Dem passiven Nichtstun wird damit ein Grund übergestüllt … der zugrundeliegende Versuch, einen Moment mit sich selbst zu sein wird in der Rolle des Kreativen überspielt.

– Fotografie kann auch als Sammeln betrieben werden … zumindest von einer Marke wurde dies erkannt und die immergleiche Kamera in immer wieder neuen Sonderserien als Sammlerstück aufgelegt … angerichtet in teuren Schmuckschatullen. Kameras, welche schon von Beginn an nicht mehr zum Fotografieren gedacht sind. Obwohl, mit etwas weniger Phatos beschlagen liesse sich damit bestens fotografieren.

Wir könne somit feststellen, der italienische Dorfplatz – ich möcht ihn fortan der Einfachheit halber fotocommunity nennen (ich weiss, sie hatten dies schon geahnt und es wäre unehrlich meinerseits zu verleugnen, dass diese Betrachtungen sich nur ganz allgemein ergeben hätten) – ist unterschiedlich bevölkert.

Welche Bewandtnis hat dies für uns?

Zweierlei: Wenn wir selbst eine Vorstellung von Fotografie haben, so dürfen wir den Platz betreten im Wissen darum, dass sich irgendwo eine Ecke finden lässt, welche auch unseren Standpunkt vertritt, wir hier also keineswegs falsch sind – voraussgesetzt, der Platz ist genügend bevölkert.

Haben wir hingegen ausser allgemeinem Interesse noch keine gefestigte Vorstellung davon, was wir von der Beschäftigung mit Fotografie überhaupt erwarten, so kann es sinnvoll sein, sich an den unterschiedlichsten Standorten erst mal umzuhören, um festzustellen das es verschiedene Glaubensrichtungen gibt, und nicht gleich dort Wurzeln zu schlagen wo man beim Betreten des Platzen zufälligeweise hingefallen ist. Eventuell wird man danach an nur einer einzelnen Idee auch nicht mehr genügend Freude empfinden.

Gruss
Andreas